Die Kirche in Deutschland befindet sich hart am Rande der Spaltung. Bischöfe und Laien sind durch tiefe Gräben sowohl voneinander als auch untereinander gespalten. Die Verwerfungen gehen quer durch die Stände. Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat vor allem eine Aufgabe, zu einen, was zerstritten ist.

In den vergangenen Tagen haben die deutschen Bischöfe einen neuen Vorsitzenden ihrer Konferenz gewählt. Diese Wahl erfolgte in einer für Kirche in Deutschland turbulenten Zeit. Es ist ein Wendepunkt für die Kirche in Deutschland, der zum Guten oder zum Schlechten gehen kann. Um das zu verstehen, muss man einen Blick zurück in das Jahr 2018 werfen. Damals erschien die sogenannte MHG-Studie, die den sexuellen Missbrauch von Klerikern an zumeist männlichen Jugendlichen in der Kirche in Deutschland untersuchte. Seit 2011 wurden mehr und mehr Fälle dieser Art bekannt. Nicht nur, dass sich zahlreiche Kleriker an Knaben vergangen hatten, häufig hatten die zuständigen Bischöfe die Taten gedeckt und vertuscht. Die Täter wurden einfach versetzt, sie kamen ohne oder mit sehr milden Strafen davon. Die Opfer wurden nicht gehört und teilweise verleumdet.
Mit der Studie von 2018 sollte die Aufarbeitung dieses Skandals beginnen. Doch zahlreiche Kritiker bemängelten, dass das Format der Studie und damit auch die Ergebnisse unzureichend und ungeeignet seien. Eine der Hauptthesen der Studie lautet, dass der sexuelle Missbrauch in der Kirche durch systemische Ursachen begünstigt werde. Die Kritiker monierten unter anderem, dass damit die persönliche Schuld sowohl der Täter selbst als auch die Schuld vertuschenden Bischöfe relativiert werde.
Ein falscher Ansatz
Im Jahr 2019 hatten dann die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) mit dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) ein Gesprächsformat unter dem Namen Synodaler Weg verabredet. Dabei sollte die vom ZdK schon seit über 50 Jahren verfolgte Reformagenda auf den Weg gebracht werden. Dabei ging es unter anderem um das Priestertum der Frau, Aufhebung des Zölibats, Änderungen der katholischen Sexualmoral, mehr Mitsprache der Laien in der Kirchenleitung und nicht Finanzhoheit der Laienfunktionäre über die Gelder der Kirche. Ergänzt wurde die Agenda noch um Einführung der LGBT-Agenda in die Kirche.
Das ZdK ist eine in Deutschland weltweit einmalige Versammlung von Kirchenfunktionären, die sich aus den von der Kirche anerkannten Verbänden und den Laiengremien der Diözesen zusammensetzt. Die Mehrheit der Reformansätze des ZdK steht in erheblicher Spannung zur Lehre der Kirche und ist damit nicht umsetzbar. Trotzdem ist es den Funktionären gelungen, im Rahmen des sechs Jahre andauernden Synodalen Weges zahlreiche Texte zu verabschieden, die die Lehre der Kirche wesentlich verändern sollen. Mehrfach hatte der Vatikan interveniert und Stoppschilder gesetzt. Immer wieder hatten sich deutsche Bischöfe und das ZdK darüber hinweg gesetzt. Im Laufe des Verfahrens waren vier Bischöfe ausgeschieden und hatten sich an der Fortsetzung des Synodalen Weges im sogenannten Synodalen Ausschuss nicht beteiligt.
Ein Schisma droht
Fachleute warnen bis heute vor der Gefahr einer Kirchenspaltung durch ein Schisma. Am Ende des Synodalen Weges haben die deutschen Bischöfe und das ZdK nun die Errichtung eines nationalen synodalen Gremiums unter dem Namen Synodalkonferenz verabredet. Die Satzung wurde von den Bischöfen und vom ZdK angenommen. Diese Satzung, das hat sich der Vatikan vorbehalten muss nun vom Papst genehmigt werden, damit das Gremium die Arbeit aufnehmen kann. Auch hier gibt es zahlreiche Kritik, dass die beschlossene Satzung in der vorliegenden Form nicht genehmigt werden kann.
Der Stand der Kirche heute ist, dass sowohl die Bischöfe als auch das Volk Gottes tief gespalten sind. Die Zerwürfnisse gehen so weit, dass die Parteiungen ein gemeinsames Gespräch unmöglich machen. Die Ergebnisse des Synodalen Weges sind so, dass gläubige katholische Laien sie einfach nur ablehnen können. Der bisherige Vorsitzende der DBK, Georg Bätzing, Bischof von Limburg, hatte diese Polarisierung durch seine einseitige Positionieren zu Gunsten der selbsternannten Reformkräfte immer weiter verschärft. Die Zerwürfnisse unter den Bischöfen waren nur zu deutlich sichtbar. Die Ausgrenzung bestimmter Gruppen von Gläubigen, schuf ein Klima das dem Glauben und der Kirche schweren Schaden zufügte.
Einigen und klären ist nötig
In dieser Situation haben sich die Bischöfe entschieden, einen Vorsitzenden zu wählen, dem offensichtlich zugetraut wird, Brücken zu bauen. Heiner Wilmer. der Bischof von Hildesheim ist Ordensmann, er gehört den Herz-Jesu-Priestern an. Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Pressekonferenz sprach er davon, Jesus Christus in die Mitte stellen zu wollen. Er hielt sich mit kirchenpolitischen Positionierungen zurück. Allerdings gab er in der Abschlusspressekonferenz der Vollversammlung der Bischöfe am vergangenen Donnerstag zu erkennen, die Reformprojekte des Synodalen Weges in Rom vortragen zu wollen. Als erstes Projekt nannte er die Laienpredigt. In der Heiligen Messe ist es nur dem Priester oder dem Diakon erlaubt, zu predigen. Insofern dürften sich die selbsternannten Reformer hier schon den ersten Dämpfer abholen. Auch in anderen Bereichen wie der Aufhebung des Zölibat, der Priesterweihe für Frauen oder der Veränderung der kirchlichen Sexualmoral ist nicht zu erwarten, dass der Vatikan dabei mitgehen wird.
Der Vorsitzende der DBK täte gut daran, die Menschen in Land langsam aber schonend darauf vorzubereiten, dass die Weltkirche katholisch bleiben wird. Weitere Illusionen oder Hoffnungen zu nähren, wird sich langfristig als Fehler erweisen. Wie der neue Vorsitzende dieser Aufgabe gerecht werden will, ist noch nicht abzusehen. Ein kurzer Blick nach Rom kann helfen. Papst Leo XIV. hat zum Entsetzen sehr traditioneller Katholiken nicht radikal mit seinem Vorgänger gebrochen. Zum Entsetzen sehr progressiver Kräfte in der Kirche hat eigene, etwas traditionellere Akzente gesetzt. Papst Leo XIV. erweckt sehr stark den Eindruck, dass es ihm darum geht, Streit, Verwerfungen und Spaltungen in der Kirche zu überwinden oder zu vermeiden. Er geht dabei sanft und mit ruhiger Hand aber dennoch in der Sache klar vor.
Der Weg der Einigung
Papst Leo XIV. wünscht sich, dass im Diskurs alle zu Wort kommen. Das bedeutet, dass Ausgrenzungen, wie sie die Linie von Georg Bätzing war, für den Papst nicht akzeptabel ist. Sollte dies der Weg des neuen Vorsitzenden der DBK sein, dann sollte er den Mut haben, mit denen zu reden, die im Laufe des Synodale Weges ausgegrenzt waren. Es gibt gute Gründe, warum die Sexualmoral der Kirche so ist, wie sie ist. Es gibt gute Gründe, warum die Kirche über die Ehe lehrt, was sie lehrt. Es gibt gute Gründe, die sogar von der Kirche als verbindlich zu glauben vorgelegt sind, warum nur Männer zu Priestern geweiht werden können. Gläubige, die diese Ansichten mit der Schrift und mit der Tradition der Kirche vertreten, wurden von Bischöfe und von Laienfunktionären aus dem Diskurs gedrängt. Will Bischof Wilmer die Kirche in Deutschland einen, muss er diesen eine Stimme geben.
Das wird nicht leicht, denn konservative Katholiken wurden teils sogar von Bischöfe als rechts geframt und verleumdet. Mit ihren Anliegen wurden sie teils barsch zurückgewiesen und ihre Argumente fanden kein Gehör. Das muss enden, soll es wieder eine Einheit geben. Dabei geben seine Worte aus der Abschlusspressekonferenz Anlass zur Hoffnung. „Das weltweite synodale Geschehen hat uns erfahren lassen“, so Heiner Wilmer, „wie wertvoll das gemeinsame Hören ist. Synodalität bleibt eine geistliche Haltung.“ Gerade eine solche war auf dem Synodalen Weg nicht erkennbar. „Miteinander unterwegs sein“, fuhr er fort, „Verantwortung teilen, Entscheidungen gemeinsam tragen – und dabei steht Christus im Zentrum.“ Aus dieser Mitte wachse Vertrauen und Vertrauen schaffe Zukunft. Es werde darum gehen, das Evangelium zu verkünden mit aller Kraft, notfalls auch mit Worten. Evangelisierung, das war der ausdrückliche Wunsch von Papst Franziskus, sollte im Mittelpunkt von Synodalität stehen. Ausgerechnet dieser Aspekt wurde auf dem Synodalen Weg komplett ausgegrenzt.
Funktionäre repräsentieren nicht das Volk Gottes
Will der neue Vorsitzende einen echten Fortschritt darin erreichen, dann wird diese eine große Herausforderung sein, den bis dato sehr politisierten Synodalen Weg geistlich einzuhegen. Das gilt auch für die in der letzten Versammlung des Synodalen Weges beschlossene Überwachung der Bischöfe durch Laiengremien, die fälschlicherweise als das Monitoring verkauft wurde, das die Weltsynode den synodalen Gremien aufgetragen hatte. Hier geht es eben nicht um Kontrolle in Sinne eines Aufsichtsrates, wie ihn der Synodale Weg beschlossen hat, sondern um ein geistliches Hören der Bischöfe mit Repräsentanten des Gottesvolkes auf den Heiligen Geist, wie die Kirche ihren Weg weitergehen soll. Der große Irrtum in Deutschland, der nur schwer auszuräumen sein wird, ist, dass Funktionäre, hier das ZdK, nicht das Volk Gottes repräsentieren. Reden die Bischöfe in Deutschland weiterhin nur mit dem ZdK und grenzen alle anderen Laienvertreter aus, dann werden die Gräben immer tiefer, dann wird das Schisma kaum zu vermeiden sein.
Wenn auch Papst Leo XIV. Synodalität für die Kirche auf allen Ebenen wünscht, dann steht der neue Vorsitzende vor der schweren Aufgabe, weltkirchliche Synodalität auf Deutsch zu übersetzen. Abschied genommen haben die deutschen Bischöfe auch vom apostolischen Nuntius Nikolai Eterović, der in diesem Jahr 75. geworden ist und dem Papst seinen Rücktritt anbieten muss. Es wird die Aufgabe des Papstes sein, einem solch ausgezeichneten Nuntius, der den schrecklichen Synodalen Weg mit Geduld und sehr großer Klarheit begleitet hat, einen Nachfolger zu ernennen, der diesen Weg weiter geht und behilflich ist, im Sinne des Papstes die Einheit der Kirche in Deutschland zu fördern. Was den künftigen Weg der Kirche angeht, gibt es vielleicht noch keinen Grund zu allzu großer Hoffnung, doch der neue Stil könnte auf einen neuen Weg hinweisen.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schaut man nach Frankreich oder England, dann sieht man, wie sich junge Menschen in größerer Zahl wieder für die Kirche interessieren. Das Interesse gilt dem Glauben an Jesus Christus, wie ihn die Kirche seit 2000 Jahren lehrt. Traditionelle Gemeinden und Gemeinschaften wirken wie Magneten. Für Reformagenden interessieren sich diese jungen Menschen gar nicht. Die wahre Herausforderung für die Kirche in den kommenden Jahren liegt hier und schon lange nicht mehr im Synodalen Weg.
Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf statement.com.
