Um junge Menschen in Medienkompetenz zu unterweisen, hatte das Erzbistum Paderborn einen linken Influencer und LGBT-Aktivisten eingeladen. Das ist mehr als nur ein bisschen kontraproduktiv. Umso erstaunlicher, dass  Erzbischof Udo Markus Bentz das einfach mitgemacht hat.
Sicherheit in den Sozialen Medien ist wichtig, politische Kompetenz aber auch. Foto: Pixabay
Sicherheit in den Sozialen Medien ist wichtig, politische Kompetenz aber auch. Foto: Pixabay

Jungen Menschen Medienkompetenz zu vermitteln ist in einer Mediengesellschaft nicht die schlechteste Idee. Ob sowas an einem Aktionstag stattfinden kann oder besser länger angelegt wäre, darüber mag man streiten. Der Erzbistum Paderborn hatte Schüler von katholischen Gymnasien zu einem solchen Tag eingeladen.

Gemeinsam mit Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz und dem Newsfluencer Fabian Grischkat diskutierten Schülerinnen und Schüler über ihre Erfahrungen im Netz, über Streitkultur, Verantwortung und Haltung in digitalen Debatten. 

ZUSAMMEN:HALT im Netz

Fabian Grischkat ist ein linker LGBT-Aktivist, der unter anderem dadurch bekannt wurde, dass er sich 2020 als bisexuell outete und vor einigen Jahren die Marke „Stolzmonat“ reservierte. Zum Ärgernis aller Protagonisten des sogenannten „Stolzmonat“ vermarktete er Produkte unter der Marke und spendete die Erträge an eine LGBT-Stiftung. Als Alternative zum „Pridemonth“ (derzeit das vermutlich höchste Nationalfest in Deutschland, was man an der umfassenden Pflicht zur Beflaggung erkennen kann) hatten – vorwiegend als rechts geframte – Influencer diesen „Stolzmonat“ erfunden und in sozialen Medien gegen die Flut an ideologischen LGBT-Flaggen in Stellung gebracht. Man darf derartiges albern nennen und Grischkat zu seinem Coup gratulieren.

Richtiger Gast – falsches Format

Grischkat hat auf Instagram 235.000 Follower und befasst sich damit Nachrichten zu verbreiten. Dass diese in seinem Interesse gefärbt werden, ist bei einem Influencer aus methodischen Gründen nicht verwunderlich und eindeutig erlaubt. Sicher hat ein grundständiges Verständnis von den Mechanismen der sozialen Medien, sonst könnte er in dem Sektor nicht erfolgreich sein. In religiösen Kontexten ist Grischkat bis dato nicht weiter aufgefallen. Er predigt den Klimawandel und ist von der kommenden Katastrophe überzeugt. Diese Haltung wird von vielen als eine durchaus religiöse Haltung angesehen, insofern könnte man ihn zumindest mit Augenzwinkern in einem religiösen Kontext verorten.

Fast man die Frage etwas enger und schaut, ob und inwiefern Grischkat im katholischen Kontext schon einmal aufgetaucht ist, findet man nichts. Hätte Johannes Hartl ihn als Speaker oder Interviewpartner zur MEHR eingeladen, hätte diese Idee meine volle Unterstützung gefunden. Die allermeisten Besucher der MEHR sind hinreichend gefestigt, in einen Dialog auch mit einem LGBT-Aktivisten einzutreten. Berührungspunkte gäbe es sicher so einige, dass diese in der Kontroverse liegen, dürfte nachvollziehbar sein. Ein (moderiertes) Gespräch zwischen Grischkat und einem christlichen Influencer könnte unglaublich spannend sein.

Als katholisches Erzbistum einen LGBT-Aktiven zu einer Veranstaltung mit Schülern katholischer Schulen einzuladen, auch wenn es gar nicht um den Glauben, sondern um Medien geht, ist schon nahezu unverantwortlich. Wie ein Erzbischof dem zustimmen kann, ist nicht nachvollziehbar. Es gibt reichlich christliche, darunter zahlreiche katholische Influencer, die zum Komplex der Sozialen Medien mindestens ebenso kompetent reden können wie Grischkat.

Orthopädie statt politische Bildung

Dazu kommt, dass die Aktion (Achtung Kindersprache) Zusammen:Halt eine dezidiert politische Aktion ist, in deren Rahmen sogar sogenannte Schulgottesdienste politisiert werden, ist die Einladung eines linken Aktivisten noch einmal problematischer. Diese Zusammenhalt-Aktion des Erzbistums Paderborn richtet sich dezidiert und unverhohlen gegen die AfD und ist mit dem Zuschnitt der Aktion eher dazu geeignet auf die AfD und deren Inhalte neugierig zu machen und damit fast schon eine Werbung. Warum? Nun, es findet nur Framing statt und keine dezidierte inhaltliche Auseinandersetzung. Es gibt keine Anleitung aus der katholischen Soziallehre, die ein Prüfstein sein könnte. Es gibt eigentlich nur „Haltung“. Es ist wohl nichts in der Welt und in der Geschichte unseres Landes so unpolitisch wie „Unsere Demokratie“, zu der auch diese sonderbare Aktion des Erzbistums Paderborn zu rechnen ist.

„Von diesem Tag soll eine Ermutigung für junge Menschen ausgehen, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Dass wir alle Möglichkeiten in einer Kommunikationsgesellschaft nutzen können und sollen, um unsere Werte in die Gesellschaft hineinzutragen“, erklärte der Erzbischof. Zugleich nehme er generationenübergreifend die Sorge wahr, wie stark soziale Medien polarisieren könnten. „Wir haben aber heute wieder die Erkenntnis gewonnen, dass es genügend Menschen gibt, die dem etwas entgegenstellen wollen“, sagte der Erzbischof.

ZUSAMMEN:HALT im Netz

Wenn dies tatsächlich die Ansicht des Erzbischofs von Paderborn ist, dann muss man ernsthaft fragen, warum ausgerechnet ein linker LGBT-Aktivist eingeladen wird, der allein durch seine sexuelle Ausrichtung in einem katholischen Kontext schon polarisieren muss. Es ist vermutlich dem Desinteresse der Eltern und deren weitreichenden Unkenntnis geschuldet, dass es keine massiven Proteste gegen eine Veranstaltung der Schulen mit einem LGBT-Aktivisten gab. Noch vor 20 Jahren hätte eine solche Veranstaltung zum einen nicht mit dem Bischof stattfinden können und zum anderen einen Proteststurm von Eltern und Lehrern hervorgerufen.

Demokratie üben geht anders

Der Kampf gegen die Polarisierung ist zutiefst undemokratisch. Nur zwischen den Polen der sich widersprechenden und in maximaler argumentativer Verschärfung vorgetragenen Argumente kann sich ein demokratischer Geist schärfen. Nur wenn ich die Argumente der Gegenseite – am besten besser als diese selbst – verstanden habe, bin ich in der Lage, diesen selbstbewusst und mit im eigenen Verstand geschärter Position entgegenzutreten. Haltung ist Sache der Sportlehrer und gegebenenfalls der Orthopäden. Denken lernen ist der Kern der demokratischen Auseinandersetzung. Und wo die AfD einen Punkt hat, da hat sie einen Punkt. Das einzugestehen gehört ebenso zu einer demokratischen Kultur, wie es dazugehört klarzustellen, dass das unappetitliche Spiel mit der NS-Terminologie eine Björn Höcke nur schwer erträglich ist und dem Mann jegliche politische Satisfaktionsfähigkeit raubt.

Wollte das Erzbistum in Fragen politischer Bildung und Vermittlung von Medienkompetenz wirklich ernst machen, dann würde es gemeinsam mit katholischen Influencern und über die Filterbubble hinaus bekannten christlichen Speakern eine Veranstaltungsreihe zu dem Thema auflegen, die in den Schulen mit einer didaktisch gut vorbereiteten Unterrichtsreihe begleitet wird. Vor der Medienkompetenz kommt allerdings erst einmal die politische Kompetenz. Und da ist es gerade die katholische Soziallehre, die die Kraft, das Potential junge Menschen in gesellschaftlichen Diskurs unserer Tage wirklich zu stählen und sie zu knackigen Gesprächspartnern – auch in den sozialen Medien – zu machen. Von einem linken Influencer und LGBT-Aktivisten lernt man das eher nicht.