Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa darf sich im Interview über politische Einseitigkeit und den Opferstatus der Caritas auslassen. Das Gespräch mäandert von putzig über peinlich zu ärgerlich und zurück. Vor allem arbeitet es sich an einer der beiden neuen ostdeutschen Volksparteien ab.

 Eva Maria Welskop-Deffaa bei der Rententagung im Oktober 2016 der Fraktion Bündnis 90/die Grünen
Foto: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen /Flikr / Wikimedia Lizenz CC-BY-2.0

Die Caritas-Präsidentin gefällt sich in einem Interview mit dem umstrittenen Portal katholisch.de darin, Lieblingsfeind einer der beiden ostdeutschen Volksparteien geworden zu sein. Dreimal darf man raten, welcher Partei.

Da mutet die Begeisterung, die Eva Welskop-Deffaa der Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp entgegenbringt, fast putzig an. Zähneknirschend gesteht sie der Berliner Linken ein „beachtliches Antisemitismus-Problem“ zu. So weit, so schlecht. Kein Wort davon, dass die SED-Nachfolgepartei Berlin zurückgewonnen hat. Kein Wort von ihren Enteignungsplänen, wenig von den umstrittenen Gästen auf der Neuköllner Wahlparty oder dem Rapper, der bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ gerufen hatte. Eralp hat diesen Auftritt später natürlich scharf verurteilt.

Sagenhaft bleibt, wie die Präsidentin eines der größten Wohlfahrtsnetzwerke Deutschlands das Hufeisen der Radikalisierung zu einer einseitig rechten Gefahr zurechtbiegt. Fast schon getragen von den Stichworten ihres Interviewers Steffen Zimmermann arbeitet sich Welskop-Deffaa an der AfD und an dem ab, was diese möglicherweise tun könnte, wenn sie in Sachsen-Anhalt regierte. Eine Caritas-Präsidentin als Geisterjägerin. Wie peinlich kann man werden?

Dialog, nein danke

Peinlicher als gedacht, wenn man weiterliest, wie sehr sie beeindruckt, „wie es insbesondere Magdeburgs Bischof Gerhard Feige gelungen ist, Menschen um sich zu sammeln und deutlich zu machen: Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, die Menschenwürde zu verteidigen.“

Feige hat als Bischof einer dramatisch kleinen Minderheitenkirche gegen die vor Ort stärkste Partei gepestet, was das Zeug hält. Während man sich kirchlich sonst mit nahezu jedem dialogbereit zeigt, wurden hier im hehren Kampf gegen Rrrrrrächts die Türen mit maximaler Lautstärke zugeschlagen und gleich mit 12-Zoll-Nägeln verrammelt. Dann wundert man sich über das undiplomatische Echo?

Auch Welskop-Deffaa zieht sich hinter die soziale Macht der Caritas zurück. Einerseits trumpft sie auf, andererseits gibt sie die Opfernummer. Ihre Migrationsarbeit werde seit Jahren von Rechtspopulisten mit dem Begriff „Asylindustrie“ diskreditiert.

Stimmt. Industrie ist das nicht. Sonst müsste man hohe Standards und Normen einhalten und nachprüfbare Qualität bei der Integration produzieren. Allein aufgrund der Größe des Apparates ist die Metapher allerdings nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Caritas betreibt zahlreiche Migrations-, Flüchtlings- und Integrationsangebote, von denen viele mit Mitteln von Bund, Ländern und Kommunen finanziert werden.

„Insofern sind wir für viele nicht die, denen man zuallererst zutraut, Brücken zu bauen.“

Luis-de-Funès-Modus an. Nein! Doch! Ohhh! Luis-de-Funès-Modus aus.

Wenn am Status quo Arbeitsplätze hängen

Wer einen großen öffentlich finanzierten Apparat in der Migrationsarbeit unterhält, hat zwangsläufig auch institutionelle Interessen. Welskop-Deffaa sagt selbst, eine AfD-Regierung könne die Finanzierung der Wohlfahrtsverbände einfrieren oder drastisch kürzen und damit Arbeitsplätze gefährden.

Das macht Kritik an der AfD nicht automatisch falsch. Es gehört aber zur Wahrheit, dass die Caritas in dieser Frage nicht als unbeteiligte Beobachterin auftritt.

Man muss weder rechts sein noch Menschen anderer Herkunft hassen, um festzustellen, dass ungesteuerte Einwanderung Gesellschaften in Europa und Nordamerika vor gewaltige soziale, finanzielle und sicherheitspolitische Probleme stellt. Wer darüber reden will, darf nicht schon dadurch zum Feind erklärt oder als rechts geframt werden. Auch ein Blick in die aktuelle Pisa-Studie könnte lehrreich sein, wie hoch die Überforderung auch dieses Teils der Gesellschaft ist.

Ergebenheitsadresse an den Kanzler

Friedrich Merz bekommt klaren Rückhalt. Immerhin habe der Bundeskanzler die Enzyklika Papst Leos XIV. über Künstliche Intelligenz mit in den Sommerurlaub genommen.

„In dieser Phase brauchen wir“, sagt Welskop-Deffaa, „eine handlungsfähige Bundesregierung, die dem Spaltungsgift ringsherum Dialogbereitschaft, Klugheit und Liebe zu den Menschen entgegensetzt.“ Diese Ergebenheitsadresse lässt nur eine Frage offen: Was darf Satire?

Man hat noch gut im Ohr, wie Merz eine krebskranke Frau anranzt, eine besorgte Lehrerin fertigmacht und immer wieder damit auffällt, Menschen von oben herab zu behandeln. Der Elfenbeinturm der Caritas-Präsidentin scheint also ungefähr auf gleicher Höhe und ähnlich gut abgeschottet wie der Regierungsturm. Prima!

Das Pesten gegen den Tankrabatt rundet die Comedy nach unten ab. Welskop-Deffaa verweist auf Berliner mit niedrigem Einkommen, die keinen Tankrabatt bräuchten, weil sie kein Auto hätten und Angst davor, im Winter ihre Wohnung nicht heizen zu können. Das stimmt. Nur leben nicht alle Deutschen in Berlin.

Hier wäre vielleicht der Hinweis auf die Kugel Eis angebracht. Mehr sollte die Energiewende doch angeblich nicht kosten. Die Caritas hält weiterhin unbeirrt an ihrer klimapolitischen Mission fest.

Aus der Sammlung wird der Sozialapparat

Es gab eine Zeit, da kamen jährlich die Damen der örtlichen ehrenamtlichen Caritas zur Sammlung. Sie bekamen immer gerne ein Scheinchen. Sie leisteten Hilfe, wo Hilfe nötig war, ohne daraus einen Beruf zu machen.

Sie kommen schon lange nicht mehr. Das alte Bild der Caritas ist weitgehend verschwunden. Ehrenamtliche gibt es weiterhin. Geprägt wird die Organisation heute aber von einem professionellen Apparat mit mehr als 770.000 Beschäftigten in rund 25.000 angeschlossenen Einrichtungen und Diensten.

Die Caritas selbst weist zu Recht darauf hin, dass sie rechtlich kein Konzern ist. Hinter ihrem Namen stehen Tausende selbstständige Träger. Das ändert nichts daran, dass hier eine gewaltige soziale und politische Macht entstanden ist, die eng mit dem staatlichen Sozialwesen verflochten ist.

Dazu passt ein kirchliches Arbeitsrecht, das längst weitgehend verweltlicht ist. Ob Menschen geschieden und wiederverheiratet sind, mit einem gleichgeschlechtlichen Partner leben oder nicht katholisch sind, spielt für viele Tätigkeiten keine Rolle mehr. Alle sind willkommen.

Doch wehe, jemand kandidiert für die blaue Partei. Dann kann es ungemütlich werden. Gerade erst beschäftigen Arbeitsgerichte Fälle, in denen Caritas-Träger Mitarbeiterinnen wegen einer AfD-Kandidatur gekündigt haben.

Wer ist wessen Lieblingsfeind?

Die Caritas als Lieblingsfeind der AfD? Nach Lektüre des Interviews bestätigt sich eher der gegenteilige Verdacht: Die AfD ist der Lieblingsfeind der Caritas.

Das hat auch handfeste Gründe. Welskop-Deffaa spricht selbst von der Gefahr gekürzter Finanzierung und gefährdeter Arbeitsplätze unter einer AfD-Regierung. Die Blauen wollen dem etablierten Wohlfahrtssystem an die Pfründe. Das kann einem großen Verband nicht gleichgültig sein.

Caritas bedeutet Nächstenliebe. Sie soll nicht um einer guten Bilanz willen geübt werden. Zugleich müssen die rechtlich selbstständigen Caritas-Träger wirtschaftlich arbeiten. Als gemeinnützige Organisationen dürfen sie erwirtschaftete Überschüsse nicht an Eigentümer ausschütten, sondern müssen sie wieder ihren Aufgaben zuführen. Das macht sie nicht interessenlos.

Eine gewisse Verunsicherung bleibt nach dem Interview zurück. Sie betrifft die Blindheit auf dem linken Auge, die man innerkirchlich immer wieder beobachten kann. Hat man vergessen, wie die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit den Kirchen umging? Muss sich erst wieder zeigen, dass ein Antisemitismus-Problem und ein problematisches Verhältnis zum Christentum nicht nur auf der politischen Rechten vorkommen?

Die Geschichte kommunistischer Regime ist auch eine Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung von Kirchen und Christen. Wer mit diesem historischen Wissen auf die politische Landschaft blickt, sollte beide Augen offen halten.

Diese asymmetrische Fehlsichtigkeit ist mehr als nur ein wenig bedenklich.