Es ist nichts ein Projekt einer linken Kulturelite, die einen großen Künstler klein machen will. Der geniale Schriftsteller William Shakespeare, der lange vor der britischen Kolonialgeschichte gelebt und geschrieben hat, soll posthum dekolonialisiert werden. So verzwergt sich der Kulturbetrieb selbst. 

William Shakespeare
William Shakespeare Foto: Unsplash

Den genialen Schriftsteller William Shakespeare zu „dekolonisieren“, ist aktuell Gegenstand kulturpolitischer Debatten in Großbritannien. Betroffen davon ist unter anderem der Shakespeare Birthplace Trust in Stratford-upon-Avon. Ausgangspunkt der Diskussion ist die These, dass die Verehrung Shakespeares als „universales Genie“ Teil einer eurozentrischen Perspektive sei, die im Kontext des Kolonialismus entstanden ist. Eine sogenannte Studie aus dem Jahr 2022 argumentiert, dass die Vorstellung von Shakespeare als größtem Dichter der Welt „die Ideologie weißer europäischer Überlegenheit begünstigt“. 

In diesem Sinne soll nicht nur das Werk selbst, sondern auch seine museale Präsentation kritisch hinterfragt werden. Ziel ist eine „inklusive Museumserfahrung“ im Museum in Stratford-upon-Avon, die den Einfluss kolonialer Strukturen auf Interpretation und Rezeption sichtbar machen soll. Übersetzt man das in normale Sprache, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass weißer Selbsthass einen der größten Schriftsteller der Welt verzwergen will. 

Monty Python muss das machen

Allein diese Forderung, William Shakespeare zu „dekolonisieren“, wirkt auf den ersten Blick wie neues Projekt von Monty Python. Der Truppe um John Cleese könnte es in der Tat gelingen, einen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts so aus seinem historischen Kontext zu reißen, dass jener, der lange Zeit vor dem Höhepunkt des britischen Kolonialreichs lebte, zum Gegenstand postkolonialer Kritik würde. Keine Frage, es wäre unsagbar schwarzer, britischer Humor. Man sieht schon, wie eine Nonbinäre Julia mit einem body positive Romeo mit Migrationshintergrund eine Safe Space aufsucht, um den rassistischen Eltern zu entgehen. Auch die Darsteller müssten sich anpassen. Gerade der alte weiße Mann Jago, der natürlich nur aus rassistischen Gründen gegen Othello intrigiert, dürfte noch weiß dargestellt werden. Alle anderen Schauspieler müssten PoC oder LGBT sein. Auch Opferpunkte in anderen Gebieten würde man akzeptieren.  

Von der Komik zurück in die Wirklichkeit. Hier werden Archive überprüft und darin aus Sicht der Wokeisten problematische Begriffe kontextualisiert oder entfernt und alternative Perspektiven stärker eingebunden. Jeder kennt es aus den Museen, wo neben Kunstwerken angebrachten Schrifttafeln, die Kunstwerke angeblich kontextualisieren. In Wirklichkeit beschreiben sie eine Scheinwirklichkeit, in der in einer Mischung aus woker Ideologie und Geschichtsklitterung Künstler vergangener Epochen auf Basis heutiger Ideen verunglimpft werden, indem man ihnen Verbrechen vorwirft, die sie zu ihrer Zeit nicht einmal hätten denken können. Stellt ein Künstler eine schöne Frau dar, gar in einem Akt, und betont er künstlerisch ihre Schönheit, dann ist er garantiert Sexist. Stellt ein Künstler Eingeborene dar und tut dies aus europäischer Perspektive, dann ist er ein Rassist. 

Lange vor der Kolonialgeschichte

So wird auch mit Shakespeare ein historischer Autor nach Maßstäben beurteilt, die Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden sind. Shakespeare selbst hatte keinen Einfluss auf die koloniale Verwendung seiner Werke. Ihn zum indirekten Träger kolonialer Ideologie zu erklären, verwischt in vollkommen unzulässiger Weise die Grenze zwischen Rezeption und Urheberschaft. Diese museale Praxis ist widersprüchlich und absurd. Einerseits hat sie die Absicht, problematische Inhalte zu entfernen oder umzudeuten, gleichzeitig betont sie, man wolle Geschichte kritisch sichtbar machen. Eine solche Anpassung historischer Quellen an woke Sensibilitäten trägt in sich die Gefahr, Vergangenheit zu glätten, statt sie verständlich zu machen. Geschichte, auch Literaturgeschichte, ist niemals konfliktfrei. Der Versuch, sie so umzubiegen, führt unweigerlich zur Verfälschung.

Shakespeare bleibt von einer Abwertung nicht verschont. Der englische Dichter soll nicht länger als singulärer Gipfel der Weltliteratur dargestellt werden, sondern als einen Autor unter vielen gleichwertigen Stimmen in der globaler Literatur. Im britischen Empire galt das Sprachgenie Shakespeare zur Recht als Symbol einer hohen kulturellen Entwicklungsstufe. Seine Werke dienten auch in den Bildungssystemen der Kolonien als Maßstab für Dichtung auf hohem Niveau. Die postkoloniale Kritik hat vielleicht einen Punkt darin, dass lokale Künstler möglicherweise nicht angemessen berücksichtigt wurden, insofern es in den Kolonien eine Form von Dichtung gab. Die Idee kultureller Universalität gerät durch postkoloniale Kritik unter Generalverdacht. Gerade Shakespeares weltweite Rezeption, von Indien bis Afrika, zeigt doch ganz im Gegenteil, dass seine Werke vielfältig angeeignet und umgedeutet wurden. 

Ein universales Genie 

Kritiker der Dekolonialisierung des Künstlers weisen darauf hin, dass diese globale Aneignung eher ein Zeichen von kultureller Offenheit als von Dominanz ist. Die Vorstellung, Universalität sei per se „kolonial“, könnte paradoxerweise selbst eine neue Form kultureller Begrenzung darstellen. Letztendlich führt der Versuch der postkolonialen Kritik, Hierarchien abzubauen, zu neuen Vereinfachungen. Wenn Shakespeare es nicht mehr erlaubt ist, das Shakespeare als „größter“ Autor gelten darf, sondern nur noch als einer unter vielen gesehen werden muss, dann wird das ästhetische Urteil politisch reguliert. Die Frage nach literarischer Qualität wird so durch ideologische Kriterien ersetzt.  Dass ein solcher Schritt, der der Vielfalt der Literatur eher schadet als nützt, sollte jedem einleuchten.

Am Ende bleibt festzustellen, dass Shakespeare selbst weltweit erstaunlich unberührt von dieser Diskussion rezipiert wird. Außerhalb der Blase selbsternannter kultureller Eliten werden seine Texte werden weiterhin gelesen, aufgeführt und neu interpretiert. Literatur- und Theaterwissenschaftler sehen gerade darin seine eigentliche Stärke, dass sie sich immer wieder neuen Kontexten anpassen lassen, ohne auf eine einzige Deutung festgelegt zu sein. Im Prinzip ist genau das eine Definition von Klassik. Um es mit dem Dichter selbst zu sagen: Die Welt ist eine Bühne und die Deutung seiner Werke offenbar ein nie endendes Schauspiel. Letztendlich ist Kanzler Gorkon zuzustimmen: „Sie werden Shakespeare erst wirklich genießen, wenn Sie ihn im klingonischen Original lesen.“ (Aus dem Film Star Trek VI: The Undiscovered Country)

Dieser Artikel erschien zuerst auf statement.com