Europa ist für den Papst nicht nur eine Region oder eine geografische Umschreibung. Der Papst fasst Europa als eine historische und religiöse Formung der Geschichte auf, die einen einzigartigen Kulturraum hervorgebracht hat.

Papst Leo XIV. Foto: Gemeinfrei

Bei seinem Besuch in Metz, in der Moselregion, nahe der Grenze zu Deutschland, hat Papst Leo XIV. in einer Rede den europäischen Gedanken der Neuzeit aus den geistigen und kulturellen Wurzeln des Kontinents hergeleitet. Es war der letzte Tag seiner Reise durch Frankreich

Bereits der Empfang des Kirchenoberhauptes in Metz war bemerkenswert. Am Flughafen Metz-Nancy-Lorraine begrüßten ihn rund zwanzig Kinder der École Marcel Van aus Argancy im Alter zwischen sieben und elf Jahren. Leo blieb mehrere Minuten bei ihnen, nahm ihre Geschenke entgegen und segnete die Schüler.

Die katholische Grundschule ist eine école hors contrat. Solche unabhängigen Privatschulen stehen in Frankreich außerhalb des staatlichen Vertragssystems und erhalten keine reguläre staatliche Finanzierung. Linke Kräfte verleumden sie oft als extremistisch. Die École Marcel Van ist dem Bistum Metz verbunden und nennt Katechese und katholische Glaubensvermittlung ausdrücklich als Teil ihres Bildungsauftrags.

Nach der Begrüßung fuhr Leo ins Robert-Schuman-Kongresszentrum. Dort hielt er unter dem Titel „An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit“ eine politische und geistesgeschichtliche Rede. Das ist nicht ungewöhnlich, dass Päpste bei ihren Besuchen auch Grundsatzreden aus philosophisch-theologischer Perspektive halten.

Europa beginnt nicht in Brüssel

Der Papst definierte darin Europa nicht von der Europäischen Union und ihren Verträgen her, sondern er erklärte das Phänomen aus einer gut zweieinhalb Jahrtausende währenden Geschichte. Europa habe sein Selbstverständnis zunächst in der hellenistischen Zivilisation, dann im Römischen Reich und schließlich mit der Ausbreitung des Christentums entwickelt. Später seien germanische und slawische Kulturen hinzugekommen. Europa sei deshalb zuerst eine kulturelle und geschichtliche Wirklichkeit und erst danach eine geografische.

Leos Linie erinnert an die traditionelle Formel von den drei Hügeln Europas. Die Akropolis in Athen steht für griechische Philosophie, Vernunft und Wissenschaft. Das Kapitol in Rom steht für Recht, Staat und politische Ordnung. Golgotha in Jerusalem steht für das Christentum und sein Menschenbild. Auch wenn der Papst dies Bild nicht dezidiert erwähnte, so folgte seine historische Herleitung exakt dieser Grundlinie.

Auch die Begegnung mit fremden Kulturen hätten an der weiteren Entwicklung Europas mitgewirkt. Leo nannte die arabische Präsenz auf der Iberischen Halbinsel und die spätere Begegnung Europas mit Amerika. Der Kontinent habe Phasen des Wachstums, tiefe Krisen und immer neue Anfänge erlebt. Eine Konstante sieht der Papst darin, dass Europa dann aufblühte, wenn es das Beste seiner Vergangenheit aufnahm und in der Begegnung mit anderen neu gestaltete.

Benedikt und die Klöster formen Europa

An dieser Stelle führte Leo einen weiteren Gründervater Europas ein. Benedikt von Nursia begründete im sechsten Jahrhundert jene monastische Tradition, die große Teile des westlichen Christentums prägte. Papst Paul VI. erklärte ihn 1964 zum Patron Europas.

Leo zählte die Wirkungen dieser Tradition ungewöhnlich konkret auf. Klöster sorgten für Arme, Kranke und Alte. Sie prägten Erziehung und Bildung. Universitäten, Krankenhäuser und Medizin entwickelten sich unter ihrem Einfluss. Hinzu kamen Architektur, Ingenieurwesen, Wissenschaft, Recht sowie die Organisation von Städten und Staaten. Ohne diese monastische Tradition, sagte Leo, gäbe es die europäische Zivilisation in ihrer bekannten Form nicht.

Gerade der Aspekt der Armen- und Krankenfürsorge ist in dieser Form in christlich geprägten Regionen der eine Art Alleinstellungsmerkmal. Es handelt sich dabei um die Wurzel der modernen Sozialpolitik.

Auch die Stadt Metz selbst fügte der Papst in den Kontext europäischer Geschichte ein. Er erinnerte an den heiligen Chrodegang, Bischof von Metz im achten Jahrhundert. Von Metz aus habe sich der gregorianische Gesang in den karolingischen Gebieten verbreitet und damit, wie Leo sagte, „Harmonie und Schönheit“ auf den Kontinent getragen.

Diese Gedanken fasste er in einem fundamentalen Zwischenfazit zusammen. „Man kann also nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen.“ Robert Schuman habe dies verstanden. Leo zitierte den französischen Staatsmann mit dessen Hinweis auf die natürliche Gleichheit aller Menschen als Kinder desselben Gottes, auf die Würde der Arbeit und auf die christliche Nächstenliebe als Grundlage gesellschaftlicher Beziehungen.

Vom Christentum zu Menschenwürde und Recht

Alcide De Gasperi führte denselben Gedanken politisch weiter. Der frühere italienische Ministerpräsident gehörte neben Schuman zu den maßgeblichen Architekten der europäischen Einigung. Zum gemeinsamen europäischen Erbe rechnete er persönliche Verantwortung, evangeliumsgemäße Brüderlichkeit, das von der Antike überlieferte Recht sowie die Verpflichtung auf Wahrheit und Gerechtigkeit.

Die Anerkennung der christlichen Herkunft Europas sei dabei kein ausschließlich religiöses Kriterium, betonte Leo. Sie helfe vielmehr zu verstehen, wo zentrale Vorstellungen der europäischen Zivilisation ihren Ursprung haben. Der Papst nannte als Beispiele dafür die unveräußerlichen Rechte des Menschen, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit.

Für Leo stehen diese Werte nicht losgelöst von Pflichten und Gemeinwohl. Der einzelne Mensch sei Teil einer Gesellschaft, in der seine Rechte und Pflichten mit denen anderer verbunden bleiben. Im heutigen multikulturellen Europa verbindet der Papst deshalb gedanklich zwei Bewegungen. Europa müsse seine Wurzeln wiederentdecken und zugleich den Dialog mit anderen suchen.

Robert Schuman macht daraus Politik

Später in seiner Rede kehrte Leo ausführlich zu Robert Schuman zurück. Schuman lebte viele Jahre in der Moselregion, vertrat sie in der französischen Nationalversammlung und ist dort begraben. Die wechselnden staatlichen Zugehörigkeiten seiner Heimat hätten ihm die Bedeutung des Völkerrechts und des gegebenen Wortes vor Augen geführt. Seine christliche Bildung habe ihn die Gleichheit der Menschen und die Würde der Arbeit gelehrt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Schuman nicht auf Vergeltung. Am 9. Mai 1950 schlug er vor, die französische und westdeutsche Kohle- und Stahlproduktion einer gemeinsamen europäischen Behörde zu unterstellen. Ausgerechnet jene Industrien, die für Rüstung und Krieg entscheidend waren, sollten gemeinsam verwaltet werden. Daraus entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, eine Vorläuferin der heutigen Europäischen Union.

Schumans Ziel war konkret. Ein neuer Krieg zwischen Frankreich und Deutschland sollte nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich werden. Leo stellte dieses Projekt in die lange Linie seiner Herleitung des europäischen Gedankens. Nach der Katastrophe zweier Weltkriege erhielten Recht, Menschenwürde, Zusammenarbeit und Versöhnung eine neue politische Form. Die Gedankenführung des Papstes zeigte auf, wie sehr die Vereinigung Europas im Kern ein Friedensprojekt ist.

Von dort führte der Papst Schumans Gedanken in die Gegenwart. Krieg sei nach Europa zurückgekehrt. Friedenspolitik dürfe nicht mit naivem Pazifismus verwechselt werden. Zugleich warnte Leo vor der Illusion, Wiederaufrüstung sei die Antwort. Europa müsse sich fragen, ob es genügend kreative Anstrengungen für den Frieden unternehme oder sich vor allem darauf vorbereite, künftige Kriege besser führen zu können.

Schuman habe Europa anders gedacht. Ressourcen sollten geteilt und gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen werden. Unterschiedliche Interessen sollten durch Begegnung statt durch Gewalt ausgetragen werden. Völkerrecht und Multilateralismus stellte Leo als Gegenmittel zum Herrschaftsanspruch des Stärkeren heraus. Europa habe in den vergangenen achtzig Jahren gezeigt, dass gegensätzliche Interessen auf diesem Weg ausgeglichen werden könnten.

Wurzeln und Migration

Bereits vor seiner ausführlichen Rückkehr zu Schuman hatte Leo die Migration in diese Geschichtsbetrachtung eingeordnet. Europa erlebe eine neue Etappe seiner langen Geschichte der Begegnungen, diesmal durch Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen oder der Armut entkommen wollen. Der Papst forderte legale und sichere Wege, Hilfe für Menschen in Not, den Kampf gegen Menschenhandel und ernsthafte Integrationsprozesse.

Integration beschrieb er in beide Richtungen. Der Aufgenommene müsse seine Fähigkeiten entwickeln können, zugleich aber „in das Leben des Hauses eintreten“. Gerade diese neue Begegnung von Völkern und Kulturen verlange, die eigenen europäischen Wurzeln neu zu entdecken und zugleich anderen zuzuhören.

Am Ende der Rede wandte sich Leo an junge Europäer. Sie sollten Frieden fördern und sich der Mentalität von Gewalt und Unterdrückung widersetzen. Er rief sie dazu auf, das Leben zu lieben und keine Angst vor der Zukunft zu haben. „Habt keine Angst davor, eine Familie zu gründen, Kinder zur Welt zu bringen und die Würde jedes Menschen zu verteidigen – vom ersten Augenblick im Mutterleib bis zu seinem letzten Atemzug.“

Laudes regiae im Dom

Am Nachmittag feierte Leo die Heilige Messe in der Kathedrale Saint-Étienne von Metz. Zum Einzug erklangen die Laudes regiae. Der alte lateinische Akklamationsgesang mit dem Ruf „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat“ bekennt Christus als Sieger, König und Herrscher und gehört seit dem frühen Mittelalter zu besonders feierlichen kirchlichen Zeremonien.

In seiner Predigt in Metz griff Leo das Thema des Vormittags wieder auf. Die Moselregion sei seit Jahrhunderten Kreuzungspunkt verschiedener Völker und habe unter ihrer Lage an Europas Grenzen gelitten. An den Bildern des Propheten Jesaja entwickelte er die Begriffe Recht, Gerechtigkeit und Frieden. Frieden müsse aufgebaut werden. Vergebung, Barmherzigkeit und die Überwindung von Vergeltung gehörten dazu.

Metz und die Moselregion seien Zeugen dafür, dass Versöhnung möglich werde, wenn Menschen die „Ketten des Ressentiments“ durchbrächen , so der Heilige Vater. Die Messe bildete den letzten großen öffentlichen Termin der viertägigen Frankreichreise. Danach fuhr Leo zum Flughafen Metz-Nancy-Lorraine und trat am Abend den Rückflug nach Rom an.

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf statement.com