ABBAmania

ABBA bitte mit Gefühl

Die vier Schweden sind zurück. Ein neues Album, eine neue Show und neue Technik. Das ist nicht normal, das ist ABBA.
ABBA in Rotterdam 1979 – Fernando Pereira (ANEFO); Misterpither (colourisation) – CC BY-SA 3.0 NL

Sie haben es getan. Und sie haben es aufgezogen, wie einen Krimi. Erst waren es Gerüchte. Dann war es bestätigt. Dann sickerte hier und da mal etwas durch. Doch erst vor wenigen Monaten wurde es konkret. Abba kommt mit einem neuen Album. Dies Album gehört in eine ganze Serie von letztem Aufbäumen. Phil Collins stellt fest, not dead yet. Albert Hammond, immerhin 77 Jahre alt, tourt durch die Welt und hüpft zwei Stunden über die Bühne, als wäre das nichts. Genesis will es noch einmal wissen. Die Enkelgeneration wird nicht mehr lange brauchen, bis sie Wish you were here entdecken. Pink Floyd sind vielleicht irgendwie Wagner der Rockmusiker. Und Abba sowas wie Mozart. Die siebziger und achtziger Jahre sind das klassische Zeitalter der Rock- und Popmusik. Was in diesen Jahren komponiert, gesungen und gespielt wurde, hat eine Epoche geprägt und eine Generation geformt. Die Generation der Fans wechselt so langsam ins Lager der Großeltern. Man tut, was man tut, wenn man altert, man schwelgt – auch musikalisch – in Erinnerungen. Darum tauchen sie jetzt wieder auf, wenn sie können, weil es diese Welle ist, die sie trägt.

40 Jahre später

Nun haben es die vier Musiker von Abba getan. Nach 40 Jahren sind sie mit einem neuen Album auf dem Markt und sie zeigen, dass sie auch nach 40 Jahren noch Abba sein können. Das Album Voyage ist gelungen. Als Kritiker tauge ich nichts, hier erkläre ich mich für befangen und gefangen. Bedauerlich aber verständlich ist, dass die Damen von Abba sich öffentlich nicht äußern wollen. Ein Interview mit Agnetha Fältskog hätte was.

Voyage knüpft hinreichend stark an altes an und zeigt hinreichend viel neues, um zu zeigen, Abba 2021 ist nicht Abba 1979. Doch Abba ist Abba. Und damit genug des Lobes, sonst könnte man mich ja für einen Abba-Fan halten. Damit sind wir bei einem Phänomen, das sich wohl nie ändern wird. Abba war nie cool und die Musik von Abba zu hören, war es auch nicht. Man liebte es sie zu hören, aber man ließ sich nicht gern dabei erwischen. Die Kritiken sind so, wie die Kritiken immer waren. Das hat sich nicht geändert. Vom Totalverriss bis zu Jubelarien findet sich alles. Das war auch 1979 so.

I Still Have Faith In You

Danke, Streaming

Eines aber ist ganz anders als 1979. Gestern erschien das neue Album. Wenige Sekunden, nachdem es freigeschaltet war, lief es auf dem PC. Dank eines Streamingdienstes stand es sofort zur Verfügung. Logo, die CD wird noch gekauft. Das ist keine Frage. Man will das coole Cover. Im Jahr 1979 hätte man, wenn gerade genügend Taschengeld verfügbar gewesen wäre, in die Innenstadt gehen müssen, um sich bei Radio Deutsch (ja, die hießen wirklich so) in der Schlange anstellen zu müssen. Irgendeine genervte, vielleicht sogar total unhöfliche Verkäuferin hätte einem die LP verkauft und man wäre mit seiner Beute im Plastikbeutel sofort nach Hause um sie zu hören. Bloß vorsichtig mit der Nadel, bloß vorsichtig die Scheibe wieder ins Cover. Am besten gleich auf Cassette aufnehmen und die LP nur rausholen, wenn man den vollen Genuss haben will. Aber Genuss? Heute hat mein PC ein besseres Soundsystem als jedes Gerät, dass 1979 für mich erreichbar gewesen wäre. Kopfhörer mit Noise Cancelling lassen jedes Nebengeräusch verschwinden. Kabellose, störungsfreie Übertragung machen uns beweglich. Als Abba sich vor vierzig Jahren als Band auflöste, war die Welt analog.

Meet You in London

Die Rückkehr von Abba ist digital, wie sie digitaler nicht sein kann. Mit dem neuen Album ist ein neues Konzert verbunden. Der erste Gedanke soll eine Tour gewesen sein, doch die Technik ist so komplex geworden, dass sie nur schwer mobil zu machen ist. Abba baut ein neues Theater in London. Dort werden sie auftreten. Avatare (genannnt: Abbatare) machen die Abba von 1979 wieder sichtbar. Die Klassiker kommen zurück. Etwas ausführlicher ist das hier beschrieben. Abba wäre nicht Abba, hätten sie nicht mindestens einen solchen Knaller parat gehabt. Und so werde ich, der ich mit 16 nicht davon zu träumen wagte, Abba zu sehen mit 60 das Vergnügen haben, die Abba sehen zu können, die ich mit 16 gesehen hätte, wäre ich damals ins Konzert gegangen. Im kommenden Jahr werde ich davon berichten.