Rezension

Die Füße taten immer weh

Birgit Kelle ist den Camino gegangen und hat mit dem gleichnamigen Buch ein ganz besonderes Pilgertagebuch vorgelegt.

Ein etwas anderes Buch über den Camino. Foto :Collage PW

Mit dem Herzen soll man den Camino gehen, erfährt Birgit Kelle zu Beginn ihres Weges nach Santiago di Compostela. Birgit Kelle wäre nicht sie selber, käme dabei am Ende nicht ein Buch heraus. Und weil die Erfolgsautorin ihren Camino gnadenlos ehrlich beschrieben hat, erfährt man, dass die Füße auch dann weh tun, wenn man mit dem Herzen geht. Alles an dem Buch „Camino“ ist ungewöhnlich. Denn während viele den Camino möglichst im Frühjahr und oder Sommer gehen, geht Birgit Kelle im Winter. Man muss nicht spoilern, wenn man hier schreibt, dass sie am Ende in Santiago ankommt. Aber auch hier ist alles anders. Kein großes Weihrauchfass, keine großen Massen. Doch es ist trotzdem Santiago.

Ein anderes Buch

Der Verlag wirbt damit, dass dies Buch ein anderes Buch sei. In der Tat streitet Birgit Kelle hier einmal nicht gegen Gender und für die Familie. Stattdessen sind ihre Gegner vor allem der innere Schweinehund, schmerzende Füße und Wanderstöcke mit Eigenleben. Das Ziel ist Klarheit zu gewinnen. Der Camino, so sagt man, gibt einem alles, was man braucht. Trotzdem nimmt die tapfere deutsche Frau viel zu viel mit auf den Weg und muss ihren Rucksack erleichtern. Jeder Pilger auf dem Camino findet Gefährten. Sie gehören zum Camino wie die Herbergen und die sonderbaren Erlebnisse.

Schönheit des Camino

Camino ist einerseits ein unglaublich schönes Buch, weil es wirklich die tiefe Schönheit des Pilgerns in kräftiger, bildreicher Sprache vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lässt. Man sieht die Autorin manchmal mit oder oft ohne ihre wunderbar geschilderten Weggefährten auf dem Weg. Camino ist aber auch ein erschreckendes Buch, weil es die unerschütterliche Kämpferin Birgit Kelle in ihrer ganzen persönlichen Erschütterung zeigt. Birgit Kelle zeigt sich als Mensch mit Gefühlen in der ganzen Bandbreite. Der Weg nach Santiago bildet alles ab. Der Camino wirkt wie ein Spiegel. So wird auch das Buch Camino zu einem Spiegel eines inneren Kampfes, der sich darin veräußerlicht, dass die nächste Herberge erreicht werden muss. Und wenn sie in Sicht ist und wenn dann die Füße nicht mehr wollen, dann wird eine Pause gemacht und die Herberge doch noch erreicht.

Wanderstöcke mit eigenem Willen

Die verlorenen Wanderstöcke werden im Laufe des Weges immer wieder zu einer Art Ritual und zu einem Zeichen. Immer wieder gilt es umzukehren und Dinge abzuholen, die nicht mitgekommen sind. Birgit Kelle beschönigt nichts, weder das Wetter noch die Stimmung. So wird das Pilgertagebuch zu einem miterleben eines Weges mit allen höhen und Tiefen. Für Birgit Kelle ist der Camino ein Weg der Schmerzen und der Wut. Auch damit geht sie ehrlich um. Es ist ein Kunststück, diese Ehrlichkeit mit der gebotenen Diskretion und Zurückhaltung zu verbinden. Es gelingt und wer hat sie denn bitte nicht, diese Lasten, die man mit Gebrüll und Tränen auf dem Camino lassen möchte. Auch das findet seinen Platz im Buch. Am Ende des 122 Seiten langen Buches wartet nicht etwas ein großes und furioses Finale. Es ist eher still, bescheiden und auch das Ende bleibt ehrlich. Das beeindruckt.


Birgit Kelle
CAMINO. Mit dem Herzen gehen
122 Seiten Hardcover, 2021, Fontis Verlag, Basel
EAN/ISBN: 978303848230