Cancel Culture

Back to the roots

Löschkultur macht sich breit. Da könnten die Linkliste und der Newsletter erneut zu Ehren kommen. Die sozialen Netzwerke tun sich keinen Gefallen mit exzessiver Löschung.

Symbolbild - Löschkultur
Symbolbild – Löschkultur macht sich breit. Die Linkliste erlebt eine Renaissance.

Die Cancel Culture nimmt immer dramatischere Ausmaße an. Jetzt fordern Medienvertreter einen auf, ihre Seite einfach direkt zu besuchen, weil Twitter bestimmte Inhalte sowieso löscht. Geschehen im Fall Tichys Einblick und Twitter.

Der Weg geht zurück zu den Anfängen des Internet. Damals, in der Zeit vor Google und Konsorten, war Deine Linkliste Dein größter Schatz. Wenn neben Facebook, Twitter und anderen Sozialen Netzwerken jetzt auch Google noch anfängt, nach politisch korrekten und identitätspolitischen Kriterien Inhalte auszusortieren, dann sind wir wieder genau dort, wo wir vor der Existenz von Suchmaschinen begonnen haben. Doch da gibt es ein Problem.

Unsichtbar machen

Das Problem macht den Unterschied: Wir haben längst eine ganz andere, völlig neue Mediennutzungskultur entwickelt. Eine solche Kultur hatte es vorher nicht gegeben. Jeder Interessierte, der etwas wissen wollte, suchte das Wissen aktiv zu gewinnen. In der schönen neuen Medienwelt kommt das Wissen von selber auf uns zu. Wir legen uns aktiv und durch unser Leseverhalten Profile an. Das Web 2.0, in dem sich nicht der User die Inhalte sucht, sondern die Inhalte sich auf diese Profile hin sozusagen melden, zeigt nun seine dunkle Seite. Ausblenden und damit gezieltes unsichtbar machen von Inhalten ist möglich. Das ist keine Verschwörungstheorie sondern ein technisches wie auch politisches Faktum. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz zwingt die Internetunternehmen einerseits zur Löschung bestimmter – nämlich krimineller – Inhalte, führt aber zu Overblocking, weil auch (politisch) unerwünschte Inhalte kriminalisiert werden können. Damit werden sie faktisch unsichtbar.

Das System funktioniert deshalb, weil wir nur noch eine sehr begrenzte Anzahl von Portalen direkt aufsuchen oder per App mit ihnen verbunden sind. Der Browser als Universalinstrument wird insofern möglichst unattraktiv gemacht und die eigene App mit einem eigenen Browser ausgestattet, der immer wieder zur App zurück führt. Die meisten Nutzer, die den Browser verwenden, rufen Google auf, geben einen Suchbegriff ein und hoffen, die aktuellen und relevanten Informationen zu ihrem Thema zu finden. Wer wirklich an ein objektives Google glaubt, der gehe mal mit verschiedenen Browsern, mal angemeldet, mal unangemeldet oder vielleicht mit dem Tablet des Freundes, der Ehefrau oder jemand ganz anders in Netz und suche auf Google. Außerdem ist auch der Browser inzwischen Web2.0 und bieten ungefragt Nachrichten an, die das Userverhalten zu Grunde legen.

Facebook ist die neue Tagesschau

Eine weit verbreitetes Nutzerverhalten ist es, das bevorzugte Soziale Medium aufzurufen und sich dort über aktuelle Themen zu informieren. Hier ist das Profilieren geradezu auf die Spitze getrieben. Es gibt keine zwei identischen Facebook- Timelines. Es gibt aber auch bei Facebook den Löschtrend. Ja sogar vor Spotify macht die Cancel Culture nicht halt. Und da sind wir wieder bei Twitter. Regelmäßig geht es durch die Lande, wessen Inhalt gerade mal wieder bei diesem oder jenem Medium rausgeflogen ist. Der Rechtsanwalt Joachim Steinhoefel sorgt in vielen Fällen für Wiederherstellung. Er hat extra einen Fond dazu aufgelegt, um Nutzern sozialer Netzwerke, die in ihrer Meinungsfreiheit begrenzt werden, angemessen helfen zu können.

Die Linkliste und der Newsletter

Das eine tun, das andere nicht lassen. Es wäre denkbar dumm, die Errungenschaften der neuen Medien komplett zu verachten. Doch gilt es den medialen Machtmissbrauch einzugrenzen. Da bekommt der Newsletter oder die gute alte Linkliste doch wieder eine neue Bedeutung.

Newsletter erleben gerade ohnehin eine Renaissance. Darunter sind die Briefings von Steingart oder von der NZZ nicht die geringsten. Der Vorteil ist, dass der Inhalt ohne einen „Zwischenhändler“ an den Endnutzer kommt. Last not least, was hindert uns, eine Reihe von Seiten täglich oder wöchentlich regelmäßig aufzusuchen? Es gibt sehr gute Tools, auch graphische Tools, um Links direkt im Browser zu verwalten. Der Group Speed Dial von fastaddons leistet da gute Dienste.

Wir kommen nicht daran vorbei, wenn wir zu einer sinnvollen und von Freiheit geprägten Debattenkultur zurück kommen wollen, dann müssen wir zunächst einmal eine neue Freiheit des Internet umsetzen. Das kann nur jeder selbst. Social Media plus Linkliste plus Newsletter plus Suchmaschine könnte die richtige Kombi sein, um sich umfassend zu informieren. Das entbindet natürlich nicht davon, sich bei den sozialen Medien über ungerechte Löschungen zu beschweren. Das entbindet nicht, der Löschkultur Paroli zu bieten und die Debatte zu befeuern. Wollen wir nicht am Ende medial gleichgeschaltet sein, dann gilt es eine Kultur der medialen Vielfalt zu pflegen.