Still not dead yet – Köln 22.6.2019

Same here, Mr. Collins! I’m still alive

Er kann es noch. Phil Collins rockt immer noch große Stadien. Nach der Vorgruppe, die schon gut anheizte, eine kleine Pause. Wir älteren Herren im Publikum füllen noch mal unser Bier nach. Die Becher zeigen den Meister, manche eine Skizze mit Autogramm. Früher waren es Bierdosen. Die Zeiten änder sich. Die Spannung steigt. Dann geht es endlich los. Die Bildschirme rechts und links und über der Bühne zeigen Bilder von Phil Collins und Genesis aus der Vergangenheit. Jahreszahlen ziehen durch den Kopf, wie habe ich damals ausgesehen? Irgendwann sehe ich ein Bild und ich weiß genau, es war in der Bravo. Es war im dem Jahr als Oma und Opa ihre goldene Hochzeit feierten und ich habe spontan ein Bild von mir vor meinem inneren Auge im braunen Anzug mit rötlich-braunem Hemd, langer Kragen, breite Krawatte, volles Haar mit Tolle, ein riesiges Blumenbukett, das ich Oma überreiche. OK, ich überreiße, wie viele Jahre seitdem vergangen sind. Es sind mehr als vierzig. Oma lebt seit mehr als 25 Jahren nicht mehr.

Phil Collins

Phil Collins betritt die Bühne, zusammen mit 40.000 Zuschauern springe ich auf. Er geht am Stock! Eine Rückenoperation, erzählt er uns und der Fuß will nicht so richtig. Er trägt Brille, hat wenig Haare. Same here, Brille zum Lesen, Haare, wer braucht sowas? Wir sind alt geworden. Manche sicher schon Omas und Opas. Ich sehe es in den Gesichtern rechts und links. Sie alle sind nicht mehr die Jüngsten. Frenetischer Applaus lässt das vergessen, uns alle. Und dann setzt er sich auf eine Art Barhocker und erzählt. Wir können trotzdem miteinander Spaß haben. Und das haben wir. Zweieinhalb Stunden im Sitzen. Die Bühnenshow ist der Hammer. Licht, Farben, Nebel und am Ende Konfetti aus Riesenkanonen. Da rocken wir wieder, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Nach ein paar Stücken stellte Phil Collins seine Musiker vor:
Brad Cole, Keyboards
Daryl Stuermer, Gitarre
Ronnie Caryl,
Dr. Ritchie Gajate Garcia, Percussion (Phil Collins nannte ihn bei der Vorstellung Mr. Octupus, während der Show verstand man, warum.)
Leland Sklar, Bassgitarre
Backing Vocals:
Amy Keys, Arnold McCuller
Bridgette Bryant, Lamont van Hook
Trompete
Harry King, Daniel Fornero
Luis Bonilla, Posaune
George Shelby, Saxophone

Mit manchen verbindet ihn eine jahrzehntelange berufliche Freundschaft und kreatives Miteinander. Man merkt es, sie haben Freude daran, miteinander zu musizieren. Dann der Kracher:
das Schlagzeug hat er seinem Sohn anvertraut.
Nicholas Collins, Drums.

Nic Collins macht an der Schießbude wahrhaftig keine schlechtere Figur als der Vater seinerzeit. Er geht über die volle Distanz und zeigt sein Erbe. Whow! Was rummst das da oben! Im Begleitbuch zum Konzert lobt der Vater den Sohn, der auch vor 50000 Zuschauern locker sein Ding macht auf dieser Tour.

Phil und Nic Collins

Auch am Piano macht der Junge eine gute Figur. Vater und Sohn interpretieren eines der Lieder. Das einzige, was der Sohn mag, wie sie etwas kokettierend zugeben. Es kommt gut an. Auch die Trommeleinlage von Vater und Sohn sind der Hammer. Zweimal im Laufe des Konzerts steht Phil Collins auf. Einmal für die Trommeleinlage mit Sohn Nic und Dr. Ritchie Gajate Garcia, und „In the Air tonight“ singt er im Stehen, während Nic die Drums schlägt.

Der Sound ist gut. Phil Collins singt wie in alten Tagen. Die Stimme trägt noch. Irgendwann vergisst man, dass er im Stuhl sitzt. Bei manchen Liedern springen und tanzen die Sänger und Blechbläser um ihn herum, die Videoshow auf den großen Leinwänden rechts und links, sowie über der Bühne sind eine Ergänzung der Show und zeigen eine exzellente Bildregie. Es ist eine Augenweide und ein Ohrenschmaus.

Phil Collins und Bridgette Bryant

Separate Lives singt er mit einer der genialen Backgroundsängerinnen. Bridgette Bryant machte es nicht schlechter als seinerzeit Marilyn Manson, der alte Charmeur und die junge Frau erscheinen schwarz-weiß von Sternen umrahmt auf den Bildschirmen. Zu dieser Musik: Gänsehautfaktor 10.

Nach zweieinhalb Stunden endet ein grandioses Konzert. Phil Collins gibt noch eine Zugabe, die Stimmung im Stadion ist phantastisch. So macht Musik wirklich Freude. Ein Kompliment an die Organisation und die Sicherheit. Der Einlass geht fix. Die Wege im Stadion sind klar und deutlich erkennbar. Das Catering ist gut und vielfältig.

Was bleibt ist die Erinnerung an wunderbare Musik, die wie ein Soundtrack mein Leben immer wieder berührt hatte. Genesis, Phil Collins … immer wieder, 70er, 80er, 90er. Ein Blick in den Spiegel, ein Blick auf die Bühne. Phil Collins hatte schon aufgegeben, er wollte nicht mehr und er kam doch zurück. Und wie! Mit einen Gruß verlässt er die Bühne. Froh gestimmt. Er kann es noch. Donnernder Applaus begleitet ihn hinaus.

Nach dem Konzert habe ich meiner Frau versprochen, wenn ich glaube, nicht mehr schreiben zu können, dann lasse ich mir was einfallen. Sie darf mich daran erinnern.
Es wird eine Lösung geben. Not dead yet! Da geht noch was.

Thank you, Phil Collins.

Ad multos annos.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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