In der Betfabrik

Wir haben verlernt, geistliche Bauwerke herzustellen. Eine Baukunst, die zum einen solides Handwerk ist, natürlich auch Kunst ist, denn Kunst vermag der Herz zu erheben, die aber zudem auch eine geistliche Atmosphäre zu verbreiten vermag. Der Besucher des Raums soll unvermittelt verstehen, dass dies ein Raum des Gebets ist.

Blick von der Empore

Am vergangenen Sonntag war ich in Leipzig in der neu erbauten Propsteikirche St. Trinitas. Ein kalter Block, der von außen abweisend wirkt. Nichts vermag Neugier zu wecken, was sich darin verbergen könnte. Man erwartet ein Museum im Charme der späten 70er, wäre da nicht der Turm mit dem Kreuz.

Wer die Kirche betritt hält den Atem an, das Foyer sieht aus, wie in einer beliebigen Veranstaltungshalle. Damen- und Herrenklo sind im Eingangsbereich vorhanden. Der Weg in die Kirche führt durch eine hohe, schwere Tür, die man so in jeder Stadthalle finden könnte.

Der Gottesdienstraum ist zweigeteilt. Ein großer Raum mit einem Riesenkreuz an der Rückwand und ein kleinerer Raum, in der sich der Tabernakel befindet und der wohl für Werktagsmessen genutzt wird. Das ewige Licht ist nicht rot, wie man es kennt. Es wäre auch erschreckend, wäre etwas, wie man es kennt.

Die Architektur vermag zu faszinieren. Doch es ist eine Faszination der Kälte und des Schreckens. Geistliche Atmosphäre vermag hier nicht aufzukommen. Beten fällt schwer. Gott finden mitten im kalten Betonkasten ist mein Ding nicht. Egal ob Barock, ob Gotik, ob Romanik, ja selbst die von mir so genannten sakralen 60er Jahre Bausünden vermögen es, mich im Raum beten zu lassen, weil der Raum ein Raum des Gebetes ist.

Blick in den Altarraum

Die Propstei in Leipzig ist das nicht. Der Besuch der Sonntagsmesse dort war ein Versuch. Nach einer Stippvisite am Vortag, um einen Raumeindruck zu gewinnen, fiel die Entscheidung, dort die Sonntagsmesse zu feiern nicht leicht. Bis unmittelbar vor Beginn der Messe war es laut im Raum. Stilles Gebet vor der Messe, welches eigentlich nie fehlen darf war nicht möglich. Eines beeindruckte dennoch, die Kirche war voll bis zum letzten Platz. Noch nie habe ich in einer Kirche auf der Empore gesessen. Auch das erinnert mehr an ein Theater als an eine Kirche. Es gibt immer ein erstes Mal.

Da war die Feier der Hl. Messe eine echte Überraschung. Rite et recte und würdig gefeierte Liturgie versöhnte etwas mit der Atmosphäre. Die übliche Nureinelesungauspastoralengründen schlucken wir dann mal gnädig. Der Hirtenbrief von Bischof Heinrich Timmerevers war die in Bleilettern gegossene Langeweile. Nichts falsches darin, aber nichts was inspiriert oder mitreißt. Lieber hätte ich den Priester predigen hören, der zu Beginn der Messe erst mal um Gebet bat, weil ein Gemeindemitglied umgekippt war. Er ging hin und spendete einen Segen. Dann erst eröffnete er die Hl. Messe. Das Robbenbaby – you know what I mean – war safe. Der Friedensgruß moderat. Die Gemeinde aus alt und jung feierte andächtig mit und trotz der vollen Kirche kamen nur zwei Kommunionhelferinnen zum Einsatz. Viele – besonders jüngere – Mundkommunikanten stellten erkennbar kein Problem dar. Es war eine typische Diasporagroßstadtgemeinde, die sich zusammenfand. Eine erkennbare katholische Vielfalt, mit der alle gut leben können.

Die Orgel ist ungewöhnlich platziert, beschallt den Raum dennoch ganz gut

Viele Vermeldungen am Schluß zeigten ein munteres durchaus großstädtisches Gemeindeleben an. Kaffee für Neuzugezogene nach der Messe. Eine Vernissage in der Propstei, viele aktive Gruppen und geistliche Veranstaltungen. Um das Konzept der Fastenpredigten zu verstehen braucht es wohl eine Diss. Ich habe es nicht kapiert. Bleibt zu hoffen, dass die Predigten verständlich sind. Weil auch Frauen predigen sollen, finden deren Predigten offensichtlich nach der Messe statt. (Das würde in Westfalen nicht funktionieren, mindestens die Männer wären flugs am nächstgelegenen Tresen zum Früchschoppen.)

Zeitmangel machte es nicht möglich, nach der Messe noch nach Gemeindemitgliedern zu suchen und sie nach ihrer Kirche zu fragen. Ist es wirklich gefallen, an diesem Bau oder ist es Gewöhnung? Allem Befremden zum Trotz kommt man nicht umhin, festzustellen, dass dieser so wenig sakral daher kommende Sakralbau dennoch gut angenommen und mit viel Leben gefüllt wird. Wenn es also überhaupt etwas gibt, was mich mit dieser Architektur versöhnen mag, dann das (Gemeinde-)Leben, mit dem der Bau offensichtlich erfüllt ist.

Natürlich ist dieser Bericht nur eine Momentaufnahme, die nur einen subjektiven Eindruck zu geben vermag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vor die Wahl gestellt würde ich beim nächsten Besuch in Leipzig allerdings doch lieber eine der anderen Kirchen zur Hl. Messe aufsuchen. Es gibt eine erstaunlich große Anzahl katholischer Kirchen in Leipzig.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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