Der Missbrauch des Missbrauchs

Erzbischof Hans Josef Becker
Archivbild

Anfang des Jahres flatterte den Katholiken im Erzbistum Paderborn ein Brief des Erzbischofs ins Haus. Allen Katholiken? Nein, es wurde ausgewählt. In Familien wurden die Männer angeschrieben. Frauen waren Adressatinnen, wenn sie allein oder in einer gemischtkonfessionellen Ehe leben. Geistliche Herren erhielten den Brief ohne ihren geistlichen Titel einfach an Herrn XY. Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene ohne eigenen Hausstand existieren für unseren Erzbischof erst gar nicht.

Die Briefanrede ist bei allen Empfängern unfreundlich wirkendes „Sehr geehrte Damen und Herren“. Selbst im Geschäftsverkehr hat sich inzwischen dank moderner Text- und Datenverarbeitung eine wo immer möglich personalisierte Anrede auch bei Massenaussendungen durchgesetzt. Eine Personalisierung ist laut Angaben eines Pfarrers sehr wohl auch aus dem Kirchlichen Meldewesen heraus möglich. Das Erzbistum verhielt sich hier denkbar unprofessionell. So war schon die Praxis der Anrede und Adressierung Grund genug für eine kontroverse Diskussion in Presse und Sozialen Medien.

Inhaltlich fällt zunächst einmal auf, dass der Bischof von Paderborn theologisch unsauber formuliert. Die Kirche, so der Paderborner Oberhirte, habe schwere Schuld auf sich geladen. Dann muss jetzt wohl „die Kirche“ zur Beichte? Leben wir bis dahin unter Interdikt? Oder ist gar für den Erzbischof von Paderborn „die Kirche“ – wie für den Bischof von Hildesheim – nicht mehr heilig? Das Credo von Nicaea/ Konstantinopel, welches die Kirche an jedem Sonntag und Hochfest in der Liturgie betet, bekennt dies jedoch ausdrücklich. Gleiches gilt für das Apostolische Glaubensbekenntnis. Wie kann eigentlich eine Institution / eine Körperschaft Schuld auf sich laden? Was machen die theologischen Berater des Erzbischofs eigentlich den ganzen Tag? Es fällt ferner auf, dass sehr allgemein von sexuellem Missbrauch gesprochen wird. Dass es sich in erster Linie um geduldete und vertuschte Päderastie von Priestern handelt, wird peinlich verschwiegen.

Es ist demgegenüber festzuhalten: Einzelne Personen, Bischöfe und Priester, sowie vielleicht Laienmitarbeiter in der Verwaltung, haben durch ihre Taten und Unterlassungen persönlich zum Teil schwere Schuld auf sich geladen. Jedes anders lautende Bekenntnis ist eine Lüge oder Verdrehung der Wahrheit. Insofern die Täter und die, die sie gedeckt haben, verstorben sind, bleibt zu hoffen, dass ihnen Gott ein gnädiger Richter sei. Bei Lebenden ist zu prüfen, ob weltliches Strafrecht noch greift. In jedem Falle sind sie aus geistlichen Ämtern zu entfernen, mindestens jedoch zu suspendieren und ihnen ist jegliche Tätigkeit als Geistliche zu untersagen. Alles andere ist erneute Vertuschung und Verdunkelung. Ansonsten sei an dieser Stelle auf das Sakrament der Beichte und die kirchliche Bußpraxis hingewiesen, wenn es um die Frage geht, wie die Kirche mit persönlicher Schuld umzugehen hat.

Im Brief ist von geistlichem Missbrauch die Rede. Wer wollte dessen Existenz bestreiten? Es ist im vorliegenden Kontext allerdings zu fürchten, dass hier eine weitere Verdunkelung angestrebt ist. Steht Priestern, die die unverkürzte Wahrheit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre verkünden, künftig der Vorwurf des geistlichen Missbrauchs ins Haus? Geraten insbesondere Priester künftig unter einen Generalverdacht? Das wäre zynisch gegenüber allen Opfern wirklichen Missbrauchs.

Als Empfänger des Briefes ist man erstaunt und betroffen zugleich. Gibt es nichts anderes zu sagen? Wir erleben eine dramatische Krise des Glaubens, der Lehre und der Katechese. Die Sonntagspraxis existiert nur noch für gerade mal jeden zehnten Katholiken. Das wäre ein Grund, die Katholiken darauf hinzuweisen, dass nicht nur die zehn Gebote Gottes sondern auch die fünf Gebote der Kirche weiterhin gelten.

Es gäbe reichlich Gründe, aus denen der Erzbischof den Gläubigen unseres Bistums Briefe schreiben sollte. Im Allgemeinen nennt man sowas einen Hirtenbrief und es sehr wohl einsichtig, dass bei einem solchen heute die Verlesung in der Kirche die Empfänger nicht mehr erreicht. Insofern spricht nichts gegen eine gut gemachte, professionell personalisierte Massenversendung eines solchen Briefes. Stimmen die Form und der Inhalt, gibt da nichts einzuwenden. Bei dem aktuellen Brief liegt allerdings mindestens eine Fehlverwendung von Ressourcen vor.

Der Brief des Erzbischofs zum Download

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Peter Winnemöller

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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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