Die alte Zeit ist ja sowas von vorbei

Vorbei die alten Zeiten?

Wenn es eines gibt, worin man dem Bischof von Essen in seinem „Wort des Bischofs“ recht geben muss, dann dieser Satz. Die alten Zeiten sind vorbei. Das eine oder andere Zipperlein schlägt hier und da schon mal zu. Die Menge Bier, die man so trinken kann, ist merklich zurück gegangen. Die Arbeit fällt einem auch nicht leichter. Jaja, die alten Zeiten sind vorbei.

Das gilt aber nicht nur individuell und nicht nur bezüglich des persönlich gepflegten Hedonismus. Das gilt vor allem gesellschaftlich. Schon lange sind das Christentum und vor allem das christliche Bürgertum nicht mehr die prägende und treibende Kraft gesellschaftlicher Entwicklung. Der Sozialismus und nach Untergang des Ostblocks die sozialliberale Variante des Marxismus hat das Christentum / Bürgertum längst abgelöst. Man musste mit Entsetzen feststellen, der Marsch durch die Institutionen hat funktioniert. Das Establishment ist links aber spießig wie eh und je. Die Konterrevolution ist neue die Revolution. Das gilt auch für die Kirche. Nur noch drei bis zehn vom Hundert der getauften Katholiken geht, je nachdem, welche Schätz- oder Messmethode man zu Grunde legt, regelmäßig sonntags in die Kirche. Dieser rein äußerliche Indikator kann aber durchaus als Signal für eine innere Haltung gewertet werden. So ist man geneigt, dem Bischof von Mainz zuzustimmen, wenn er bei vielen der nicht praktizierenden Katholiken nur noch einen Pro-Forma-Katholizismus annimmt. Dennoch ist es ungerecht, das so einfach anzunehmen. Die Wirklichkeit ist viel komplexer.

Wir leben in einer beinahe umgekehrten Form der ausgehenden antiken Welt. Während im Laufe der Jahrhunderte in der Antike die Zahl gläubig werdenden Ungetauften stetig zunahm (und sich dann taufen ließ), stellt es sich heute anders dar. Es nimmt die Zahl der ungläubig werdenden Getauften stetig zu. Eine Enttaufung gibt es nicht. Wer getauft ist, ist getauft und gehört der Kirche an. Der Glaube degeneriert dennoch zum Unglauben. Dabei ist das Spektrum des Unglaubens weder homogen noch unbedingt ein Abfall zum Atheismus. Im Gegenteil sind unsere Zeitgenossen nicht weniger religiös als unsere Vorfahren. Und unsere Nachkommen werden sich da auch nicht wesentlich unterscheiden.

Verlust von Bildung und Verlust von Glauben

Dennoch gibt es einen Unterschied. Während über viele Jahre parallel zur Zunahme der Bildung des Volkes das Wissen um die Glaubenswahrheiten gleichfalls zunahm, weil der Katechismus in der Volksschule unterrichtet wurde, breitet sich heute ein eher diffuses Glaubensverständnis aus. Das Schrumpfen des katechetischen Wissens zeigt eine erschreckende Parallele zu Zunahme des funktionellen Analphabetismus. Der Grad der Allgemeinbildung läßt in einem Maße nach, das einen ängstigen könnte. Und so läßt auch der Grad an Kenntnis des offenbarten Glaubenswissen dramatisch nach.

Ja, man glaubt durchaus an irgendwas. Eine höhere, vielleicht sogar absolute Entität ist im Bereich des Möglichen. Weil keiner was weiß, denkt sich jeder was aus. Segmente des Buddhismus, des Hinduismus, verschiedenster Naturreligionen bis hin zu Aspekten aus einem nordischen Neoheidentum sowie allerlei anderen Vorstellungen von Metaphysik und Mythologie vermischen sich zu dem je eigenen Glauben. Einen solchen Individualglauben kann man natürlich in seiner vollen Ausdrucksweise mit niemandem teilen. In vielen Fällen mischen sich christliche Vorstellungen in wahrer oder häretischer Form in die Weltanschauung. Der Irrtum von der Privatheit des Glaubens ist vielleicht eines der wenigen breit geteilten Dogmen der neuen Zeit.

Die Sache mit der Moral und der Wahrheit

So muss es dann auch einen Bischof nicht wundern, wenn Moralvorstellungen der Kirche, die nicht von der sexuellen Ausrichtung einen Menschen abhängen, sondern vielmehr universal für jeden Menschen in gleicher Weise gelten und wahr sind, nicht akzeptiert und erst recht nicht geglaubt werden können. Ja mehr noch man muss es verstehen, dass Menschen ob dieser Zumutung, die sich „die Kirche“ anmaßt, den Menschen vorschreiben zu wollen, wann, mit wem und wie oft sie kopulieren dürfen.

Viele Menschen (nicht nur) in unserem Land wehren sich aus ihrer Sicht völlig zu Recht gegen diese Morallehre der Kirche. Und die Vertreter Kirche täten in der Tat gut daran, über die Morallehre in der breiten Öffentlichkeit primär erst einmal die Klappe zu halten. Das gilt auch bezüglich irgendwelcher phantasievollen Vorstellungen, die Morallehre der Kirche ändern zu wollen. Auch Bischöfe sind dazu nicht ermächtigt. Das gilt erst recht dann, wenn so erkennbar, wie im Schreiben des Bischofs von Essen, der eigene Vogel zum Heiligen Geist aufgewertet werden soll. Das funktioniert nicht.

Das Bistum Essen steht vor seinem Untergang. Ob es nach dem amtierenden Bischof in Essen noch mal einen Bischof geben wird, kann man nicht sagen. Es wird jedoch gleichbleibende Entwicklung vorausgesetzt keine 20 Jahre mehr existieren können. Der Papst ist verpflichtet, es dann irgendwann aufzulösen. Das ist tragisch angesichts der großartigen, wenn auch recht kurzen Geschichte des Ruhrbistums. Untergegangene Bistümer hat die Kirche immer mit Traurigkeit, nie jedoch als gesamtkirchliche Katastrophe gesehen. Der Sprengel des heutigen Bistums Essen wird einem anderen Bistum eingegliedert werden. Es wird in hundert Jahren in Korea vielleicht einen Weihbischof geben der Titularbischof von Essen ist. Auch das sollte man sich bewusst machen, auch andere Bistümer in Deutschland sind im Grunde auf Dauer nicht mehr lebensfähig.

Die Umkehr, die unbedingt nötig ist, liegt nicht darin, ein neues Christentum zu erfinden. Im Bistum Essen ist das en vogue, nicht erst seit gestern. Auch der Generalvikar träumte schon mal von einer fluffig, süßlich-klebrigen Kirche der hippurbanökologisch superfitten Christen, die in ultrastyligen Gemeindezentren superattraktive Gottesdienste feiern. Nein, Herr Bischof, es ist kein Fortschritt, wenn Laien supertolle Wortgottesdienste leiten. Das ist eine Notmaßnahme und jeder solche Gottesdienst, der ohne ein inniges Gebet um Priesterberufungen auskommt, ist der reine Hohn.

Die nötige Umkehr, das hatte schon der Heilige Papst Johannes Paul II. erkannt, heißt Neuevangelisierung. Eine solche setzt voraus, dass es glaubwürdige Zeugen des Evangeliums gibt. Es setzt auch voraus, dass der Boden bereitet ist. Die Menschen, die die Zeugen hören müssen bereit sein, den Samen des Wortes Gottes aufzunehmen. Es geht darum, den Menschen das Heil zu verkünden, ihre Erlösung. Die Moral folgt nach, denn sie ergibt sich aus dem Glauben.

Sicher ist auch die Moral der Kirche der Vernunft einsichtig. Das soll gar nicht bestritten werden. Wo man dem Naturrecht folgt, lässt sich die Morallehre der Kirche in weiten Teilen schon aus der Vernunft herleiten. Umso dramatischer ist es, wenn ein Bischof die Moral verändern will. Wenn schon innerhalb der Kirche das Naturrecht nicht sein darf, wie soll es sich dann in einer individualistischen, rechtspositivistischen Umwelt behaupten.

Der Abstieg geht voran

Das Fazit aus dem Brief des Bischofs von Essen ist sehr leicht auf den Punkt zu bringen. Die in einer Körperschaft öffentlichen Rechts verfasste Kirche in Deutschland befindet sich in Fragen des Glaubens und der Sitten weiter auf dem absteigenden Ast. Der Bischof konstatiert, dass inzwischen Menschen über den Austritt aus der Kirche nachdenken, die sich das bislang nicht vorstellen konnten. In einer anderen als der vom Bischof vermutlich gedachten Art, trifft dies ebenfalls zu. Denn es ist eine stetige Frage unserer Tage und mit beinahe jedem derartigen Bischofswort, wie jetzt aus Essen zu vernehmen, wird sie drängender, wann es zum moralischen Gebot werden könnte, diese Körperschaft nicht weiter durch die Kirchensteuer finanzieren zu dürfen.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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