Nur noch die Hälfte

Kardinal Marx (Archivbild)

Nein, natürlich erschrecken die Bischöfe nicht über die Studie des FZG. Keiner der jetzt amtierenden Bischöfe wird 2060 noch amtieren, die meisten sogar schon nicht mehr leben. Man ist auch nicht verwundert über die Schwindsucht der Kirche und der EKD. So hermetisch abgedichtet sind selbst episkopale Elfenbeintürme nicht.

Was unsere Bischöfe erschreckt hat, war dem Vernehmen nach allenfalls das Tempo des Niedergangs. Nun gibt so eine Studie keine absolute Wahrheit bekannt. Mit statistischen Mitteln werden Zahlen aus der Vergangenheit mit Entwicklungen der Gegenwart zu Wahrscheinlichkeiten hochgerechnet. Im Jahr 2060 sind der Studie zur Folge die Christen in Deutschland, jene, die der Kirche und der EKD angehören – Freikirchler werden ignoriert – noch gerade die Hälfte.

Die Kirchensteuereinnahmen werden dann so sein, dass die Kirche Aufgaben in der jetzigen Form und im jetzigen Umfang nicht wird ausüben können. Eine Menge Binsenweisheiten verbreitet die Studie. Und es mutet seltsam an, wenn erst eine Studie zur Vorausberechnung des Kirchensteueraufkommens den Vorsitzenden der DBK zur Mission ermutigt. Irgendwie geht es ja wohl doch nur ums Geld.

Die Zahl der Kirchenmitglieder im Jahr 2060 mag eine nette Spekulation sein. Man mag sie gut als Fanal an die Wand malen können. Wir werden dann nur noch die Hälfte sein. Mag sein, mag nicht sein. Etwas anderes zeigt die Studie auf. Mit 44 Mio Mitgliedern stellen Christen zumindest nominell, an Hand der Kirchenmitgliedschaft gerechnet, noch die Mehrheit in unserem Land.

Eine ganz andere Zahl wäre sehr viel interessanter. Wann genau werden Christen nicht mehr die Mehrheit der Einwohner in Deutschland sein? Wir leben längst in einer majoritätsfixierten wahrheitsignoranten Demokratur. Der demographische Faktor, nicht mehr die Mehrheit zu sein, wird einen kulturellen Wandel einleiten, gegen den der Rückgang der Kirchensteuer ein Witz sein wird.

Unsere gesamte Kultur ist christlich geprägt, unser Grundgesetz ist naturrechtlich fundiert. Unsere Feiertagskultur, die von den (arbeitsfreien) Sonntagen über die (arbeitsfreien) christlichen Feste, bis hin zu den beiden großen Festkreisen die Zeit im großen und im kleinen einteilt. Humanitäre Normen, die sich allein aus dem Christentum herleiten lassen, dominieren alle Bereiche unserer Gesellschaft. Kein anderer Kulturkreis hat die Idee einer freiheitlichen Gesellschaft und rechtlicher Gleichheit aller Menschen hervorgebracht.

OK, die Bischöfe werden 2060 weniger Kohle haben. Arme Bischöfe! Wir werden zu dieser Zeit schon wesentlich länger in einer kulturell kollabierten Gesellschaft leben, die sehr viel Ähnlichkeit mit der ausgehenden Antike haben wird. Die Vorzeichen sehen wir schon jetzt. Rückgang der Geburten in unserem Land. Massive Veränderungen der Rechtsethik. Massive Migration in unser Land hinein. Veränderung wesentlicher Grundlagen unseres Rechtsempfindens. Schrittweise Aufgabe sicher geglaubter ethischer Standards.

Was unsere Bischöfe gerade so cool zur Kenntnis genommen haben, wird für unsere Kinder und Enkel bedeuten, in einem Land mit sozialer Kälte zu leben, in der das Recht wohl eher das Recht des Stärkeren als das Naturrecht sein wird. Für die Christen wird es bedeuten zu einer vielleicht schon verfolgten, sicher aber zu einer bedrängten Minderheit geworden zu sein. Schon heute zeigt der Sonntag Auflösungserscheinungen. Ob es ihn dann noch geben wird, ist mehr als fraglich.

Die Kirchensteuer, das ist wohl das realistischere Fazit aus der Studie, wird – ceteris paribus – das geringste Problem der Christen im Jahr 2060 sein.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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