Ganz tierisch Mutter sein – Eine Rezension

Es war zu erwarten, daß die Streiterin für Frauenrechte, gegen Gender und gegen wirtschaftliche Vereinnahmung der Frau auch die Mutterschaft zum Thema macht. Mag die Verärgerung interessierte Kreise auch noch so groß sein, Mutter zu werden ist und bleibt eine Option für Frauen. Mutter zu sein bleibt ein alleiniges Recht der Frau. Für Mütter zu streiten, ist unbedingt nötig in Zeiten, wo man Mütter ihrer Kinder und Kinder ihrer Mütter berauben will.

Als wäre das Verhältnis Mutter – Kind nicht ohnehin schon kompliziert genug, greift der Staat da immer wieder ein. Die Not ist groß. Es fehlen Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt. Es fehlen aber auch zunehmend die Kinder, die diese Lücken vielleicht einmal stopfen könnten. So werden die Mütter in einer Weise zerrissen, die in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv ist.

Birgit Kelle nimmt sich all der Themen an, die Müttern das Leben schwer machen. Es geht schon los, mit der Frage, wann man denn überhaupt Mutter werden soll. Und es endet noch lange nicht damit, wie man denn die eigene Mutterschaft gestalten will. Wie der Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft Einfluß nehmen, ist zum Teil dramatisch. Kinder sollen am besten sofort in die Kita. Vielleicht sogar in die 24/7 Kita, damit Mami in den Job zurück kann. Die „Cappuchino Mütter“ stehen im Kreuzfeuer gesellschaftlicher Kritik. Wie kann sich eine Frau erdreisten, nicht unverzüglich wieder arbeiten zu gehen.

Solidarität unter Frauen sucht man dagegen vergeblich. Unverheiratete, kinderlose Frauen in der Politik wollen Müttern erklären, wie Mutter sein richtig geht. Birgit Kelle reißt solchen Phänomenen schonungslos die Maske vom Gesicht. Sie untersucht die Ursachen der staatlichen Eingriffe. Dabei geht es gar nicht darum, die Kita zu verteufeln. Frauen, die ihre Kinder in die Kita bringen wollen, sollen das tun können. Es geht um die Freiheit. Es geht darum selber entscheiden zu können, in welcher Weise eine Mutter sich um ihre Kinder kümmern will und wie lange. Die Mutter ist und bleibt die erste und beste Erzieherin und Lehrerin ihrer Kinder. Muttersprache, so Kelle, heiße eben nicht umsonst so.

Ein wenig plaudert sie aus dem Nähkästchen des Alltags einer vierfachen Mutter, die sich dazu entschieden hat, dies in Vollzeit zu sein. Sie erzählt von Widerständen und Widrigkeiten. Sie spürt den Motiven der großen und kleinen Familienpolitik nach. Wie eine familienfeindliche Ideologie selbst das minimale Betreuungsgeld für Familien wieder kassierte, ist im Buch Muttertier nachzulesen.

Es ist ein emotionales Buch. Schon der Titel zeigt eine kämpferische Autorin, die Löwenmähne und Krallen nicht versteckt. Nehmt Euch in Acht! Mit einer Mutter ist nicht zu scherzen. Auch wenn das Buch wie üblich in einem lockeren und gut lesbaren Tonfall geschrieben ist, enthält es starken Tobak. Höchstrichterliche Urteile für die Familie warten zum Teil seit Jahrzehnten auf Umsetzung. Frauen, die als Mütter diejenigen auf die Welt bringen und großziehen, die später die Renten erwirtschaften, ziehen bei eben dieser Rente den Kürzeren. Kindererziehung ist gut, wenn man Sozialpädagogik studiert hat und den Job gegen Geld macht, das versteuert wird. Es ist schlecht, wenn man es unentgeltlich aus Liebe macht.

Das gesamte Buch ist ein Buch, das Mut machen sollte, sich für Mütter stark zu machen, die wirklich Mütter sein wollen. Es ist aber auch ein Postulat an die Solidarität von Frauen untereinander. Denn auch das kann man aus dem Buch entnehmen, niemand macht Müttern das Leben so schwer, wie andere Frauen. Die Mutter ist der Feind der kinderlosen Feministin, so könnte man es als Quintessenz herauslesen. Mütterrechte sind eben unterm Strich auch Frauenrechte. Auch in der Mutterschaft kann eine Frau sich selbst verwirklichen. Viele wollen das nicht wissen.

Der demografische Wandel in der Gesellschaft macht eine Diskussion darum, wie wir die Mütter behandeln wollen unbedingt erforderlich. Es braucht eine Diskussion, wie wir Mutterschaft gesellschaftlich, politisch und nicht zuletzt wirtschaftlich bewerten wollen. Birgit Kelle schreibt aus der persönlichen Sicht einer Mutter. Sie schreibt aber auch kenntnisreich auf Grund umfangreicher Recherche über rechtliche, wirtschaftliche und politische Themenfelder der Mutterschaft.

Es ist ein Buch, das sich für jeden lohnt, der ein wenig über den Tellerrand der allzu ideologisch geführten Kinderbetreuungsfrage hinaus blicken will. Zwischen Kreißsaal und Abiball passiert nämlich eine ganze Menge, was die (feministische) Theorie nur unzureichend erfassen kann. Das kann eben nur die Praktikerin zutreffend beschreiben.


Birgit Kelle
Muttertier
Eine Ansage
Fontis Verlag Basel 2017
240 Seiten
ISBN: 978 3 03848 124 9

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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