Das glaubt doch keiner mehr

Die Anbetung …

Ab und an erhalte ich Mails auf Blogartikel. Die meisten Kommunikation läuft inzwischen über Facebook. Keinen Kommentarbereich im Blog zu haben, empfinde ich durchaus angenehm. So verlagern sich Gespräche über die Artikel weg von dem eigentlichen Inhalt, der anderen Lesern auf diese Weise weiterhin unkommentiert zur Verfügung steht.

Gelegentlich kann man aber auch mal auf eine Mail eingehen.

Aus einer Leserzuschrift mit dem Titel „Ihre Hetze gegen Anselm Grün“ auf dieses Posting:

Bitte seinen Sie doch auch einmal realistisch:
An die Transsubstantiationslehre glauben doch heute die Wenigsten.
Hören Sie doch auch einmal an katholischen Fakultäten nach, was dort gelehrt bezüglich des Abendmahls gelehrt wird.
Und bitte nehmen Sie sich doch auch einmal Zeit, die Konzilsgeschichte des Tridentinums objektiv (etwa anhand der Konzilsgeschichte von Pater Paulus Sarpi) vor Augen zu stellen.

Nun sei vorweg geschickt, daß ich jemandem, der mit Hetze vorwirft, ganz sicher nicht direkt antworten werde. Solche Unhöflichkeit verdient es ignoriert zu werden. Insgesamt ist die Mail auch nicht einladend formuliert. Sie ist von Stil her belehrend, besserwisserisch und von wenig Achtung vor dem Empfänger geprägt. Falls jemand fragt, ob ich auf Mails auch direkt antworte, da muß ich sagen. das tue ich aus Zeitgründen nur ganz selten, u.a. deshalb habe ich die Diskussion in die sozialen Medien verlagert. Dafür bitte ich ausdrücklich um Verständnis.

Den kleinen Ausschnitt aus der Mail habe ich hier zitiert, weil er etwas deutlich zeigt. Der Irrtum ist immer gründlich. Führt der Weg des Glaubens von der Eucharistie weg, verliert der Glauben komplett den Boden unter den Füßen. Aber die Eucharistie ist auch der Punkt, s. P. Anselm, der als erster angegriffen und unterhöhlt wird. Man müßte mal geistlich beleuchten, woher das rührt. Ein ander mal …

Der zitierte Ausschnitt der Mail beginnt mit der Aufforderung einmal realistisch zu sein. Gut, seien wir einmal realistisch. 1 …, 2…, 3…, 4, … 5… Lange genug? Es muß einfach reichen! Länger kann ich nicht …

Die wenigsten, so fährt unser Realismusfan fort, glaubten noch an die Realpräsenz. Und diesen Satz will ich sofort glauben. Millionen Fliegen glauben, man könne Scheiße fressen. Wie sieht wohl der Ernährungsplan unseres Realismusfans aus?

Tatsächlich kann man leicht nachrechnen, wie viele Menschen in D ungefähr an die Realpräsenz glauben. In Deutschland leben (Stand 2015) 23,7 Millionen Katholiken. Nur diese kommen für den Glauben an die Realpräsenz in Frage, alle anderen Kirchen lehren anderes. Nichtchristen vom Grundsatz her keine Beziehung zur Eucharistie. Es gehen regelmäßig am Sonntag 10% der Katholiken in die Messe. Das sind 2.37 Mio Katholiken. Allen anderen kann man außer Acht lassen, denn der Glaube an die Realpräsenz würde einen Menschen unwiderstehlich jeden Sonntag in die Hl. Messe ziehen. Gesetzt den Fall nur jeder zehnte regelmäßige Kirchgänger in D glaubte an die Realpräsenz, dann wäre das immer noch 237.000 Menschen. Das ist eindeutig ein Wert >0. Und man kann davon ausgehen, daß es durchaus noch sehr viel mehr sind.

Unter jungen Katholiken, das zeigen verschiedene geistliche Trends, ist der Glaube an die Realpräsenz sogar ein Kernthema. Bei Nightfever und anderen Veranstaltungen steht die Feier und Anbetung der Eucharistie im Mittelpunkt.

Man muß also unterm Strich zweierlei feststellen: In der Tat ist es heute nur noch eine geradezu beängstigend kleine Minorität der Menschen, die an die Realpräsenz glaubt. Man darf sich fragen, ober das jemals wirklich so sehr anders war. Zum zweiten ist festzustellen, daß Majorität (Millionen Fliegen fressen Scheiße) kein Kriterium für Wahrheit ist.

Es folgt die Aufforderung, sich mal an den Theologischen Fakultäten umzuhören. Das habe ich getan. Mein eigenes Theologiestudium war eine durch und durch gemischte Erfahrung. Von krassen Häresien bis zu Menschen mit einem geradezu heiligmäßigen Umgang (persönlich, in Lehre und in Spiritualität) mit uns Studenten habe ich alles erleben dürfen. Seinerzeit – man war noch jung – brachte mich in der Tat die Aussage eines Professors für systematische Theologie, er glaube nicht an die Realpräsenz, dazu, an meinem Verstand zu zweifeln. Heute sehe ich das viel gelassener. Ich frage mich allerdings durchaus, was das soll, das jemand der zentrale Glaubensinhalte nicht teilt, im Auftrag der Kirche Theologie lehrt. Die Existenz der Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten hat hier durchaus eine ambivalente Komponente. An rein kirchlichen Theologischen Fakultäten ist das deutlich besser, doch es fehlt dort der universitäre Austausch.

Unser Realismusfan hat recht. Der Zustand der Lehre an den Theologischen Fakultäten ist mindestens kritikwürdig. Doch auch das ist ein Problem, das sich mit der Zeit lösen wird. Schon längst hat die akademische Theologie jeglichen Biss verloren. Der letzte Theologieprofessor, der ein Buch mit Breitenwirkung hinsichtlich Rezeption und Diskussion über die Grenzen der Kirche hinaus geschrieben hat, war ein gewisser Josef Ratzinger, aka Papst Benedikt XVI. Das sagt mir mehr über den Zustand der Theologie als alle theoretischen Erwägungen.

Den Glauben an die Realpräsenz hat bei mir bislang niemand trüben können. Und ich werde nicht aufhören zu monieren, daß es zwischen Abendmahl und Eucharistie eine gruselige babylonische Sprachverwirrung gibt. Also hier noch einmal:

<hyperventilier>

Katholiken feiern kein Abendmahl! (!!!!EinELF111!!!)

</hyperventilier>

Und nun stelle ich meine ganze Arbeit ein und studiere anhand der sicher lesenswerten Werke von Paolo Sarpi, jenem grandiosen Polemiker contra Trient und Papst die Geschichte des Konzils von Trient. Ob unsere Realitätsfan mir ein Stipendium dafür beschaffen würde? Vermutlich nicht. Also verlasse ich mich auf das im Studium von einer hervorragenden Professorin für Kirchengeschichte gelernte und auf das Wissen, wo ich ggf. was zum Konzil von Trient, der vorkonziliaren Entwicklung und der Rezeption des Konzils nachlesen kann. Ich bringe allerdings – mit oder ohne Stipendium – die Begriffe Paolo Sarpi alias Pietro Soave Polano und objektiv nicht zusammen zu bringen.

Bleibe ich also realistisch, dann kann ich nur sagen, daß ich mich auf Nightfever am kommenden Samstag freue.

Das ist real und der Herr wird real präsent sein. Wir glauben daran.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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