Pasta mit bitterer Soße

Spaghetti
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Das Wort Pastoral ist eine tückische Wortschöpfung. Es kann alles und nichts bedeuten. Die Erfindung der Pastoraltheologie, so sagte mir ein Priester, habe das Ende der Seelsorge eingeläutet. In der Tat könnte man zu dieser Einsicht kommen. Die klassische katholische Seelsorge ist sakramental.
So ist eben ein Priester kein Angestellter seines Bischofs. Die sakramentale Weihe eines Priesters ist eine ontologische Veränderung des Mannes, der den Dienst in der Kirche auf sich nimmt. Der Dienst, den er ausführt erfolgt gegen Zusage der Versorgung. Anspruch auf ein Gehalt im eigentlichen Sinne besteht nicht.
Da ist es in sich logisch, von einer sakramentalen Seelsorge zu reden, weil in der Kirche das Amt auch sakramental ist. Seelsorge ist primär an das Amt gebunden.

In der Taufe nimmt der Priester die Gläubigen in die Kirche auf, in der Feier der Eucharistie führt er die Menschen in die reale Gegenwart Christi, in der Beichte sagt er den Pönitenten mit Vollmacht die Vergebung ihrer Sünden zu, in der Krankensalbung sagt er den Menschen das Heil zu, das Gott ihnen schenken will und in der Feier der Trauung nimmt er den Ehekonsens der Brautleute entgegen und segnet die Ehe. Dies alles ist das zentrale Handeln eines Priesters. Alles was ein Priester sonst noch zu tun hat, ist sekundär. Darum ist der Priester Seelsorger im eigentlichen Sinn. Das Kirchenrecht hält den Begriff Seelsorger daher auch den Bischöfen, Priestern und Diakonen vor, weil diese eben durch ein Sakrament zum sakramentalen Dienst geweiht sind.

In Deutschland kennen wir umgangssprachlich (und leider mit einer gewissen Unschärfe in offiziellen kirchlichen Papieren) auch Angestellte der Kirche als Seelsorger. Deren Dienst ist nicht sakramental und damit auch nicht im eigentlichen Sinne Seelsorge. Will man eine Umschreibung finden, so ist dies wohl am ehesten mit Sozialarbeit, Katechese und Unterweisung, sowie zum Teil auch spirituelle Anleitung und Vorstand beim gemeinsamen Gebet getan. Der Begriff Pastoral kann hier tatsächlich treffen, denn sie sind Mitarbeiter der Hirtensorge der Kirche. Das ist ein wichtiger Dienst in den Gemeinden. Er ist nicht nur dort wichtig, wo Priester und Diakone fehlen.

Ausgebildet sind diese Kräfte oft als Sozialpädagogen oder Religionspädagogen mit Bachelor oder Theologen mit Master oder Diplom. Als Gemeinde- oder Pastoralreferenten durchlaufen sie nach dem Studium einen weiteren Ausbildungsgang, der praxisbegleitend stattfindet und mit einer eigenen Prüfung endet. Dieser Beruf ist im Grunde ein Beruf, wie jeder andere auch. Das Arbeitsverhältnis begründet ein Arbeitsvertrag, der allerdings einige eher außergewöhnliche Bestimmungen enthält. Da ist die Residenzpflicht zu nennen, die gewährleisten soll, daß ein Mitarbeiter im pastoralen Dienst, wie die Referenten zuweilen genannt werden, seinen Lebensmittelpunkt in die Pfarrei (oder den Verbund von Pfarreien) verlegt, wo er tätig ist. Schon an diesem Punkt fällt auf, daß es eben kein „Job, wie jeder andere“ ist. Allerdings ist es weniger ungewöhnlich als man denkt. Der Direktor einer örtlichen Sparkasse hat die Residenzpflicht für gewöhnlich auch im Arbeitsvertrag stehen.

Es gibt moralische Anforderungen, die den Mitarbeitern im pastoralen Dienst auferlegt sind. Das ist insofern logisch, da sie Mitarbeiter in der Verkündigung sind. Man kann nicht die Lehre der Kirche, zu der eben nun einmal auch die Moral gehört, im Job verkündigen und im eigenen Leben ignorieren. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn der Repräsentant einer Automobilfirma sichtbar die Fahrzeuge der unmittelbaren Konkurrenz bevorzugte oder gar Automobilgegner wäre. Ein Mindestmaß an Solidarität mit dem Arbeitgeber muß verlangt werden können. In einem Tendenzbetrieb, wie sie die Kirche als Arbeitgeber ist, ist der Grad an Solidarität und Selbstidentifikation mit den verkündeten Inhalten noch einmal etwas höher. Ähnliches gilt natürlich auch für Religionslehrer, die zwar im Dienst des Staates stehen, den Unterricht im Fach Religion aber im Auftrag der Kirche erteilen. Man kann diskutieren, ob dieser Zustand in einem säkularen Staat so haltbar ist, aber der Sachverhalt an sich ist derzeit so in einem Völkerrechtlichen Vertrag geregelt.

Wer selber Theologie studiert hat, wird wissen, daß in den Hörsälen und Seminarräumen der Theologischen Fakultäten und Fachbereiche, in denen neben zukünftigen Priestern eben auch Pastoral- und Gemeindereferentinnen und Religionslehrer ausgebildet werden, nicht nur fromme junge Menschen sitzen, die erfüllt vom Glauben ihren Dienst in der Kirche anstreben. Sie werden oft genug von Männern und Frauen aus dem theologischen Wissenschaftsbetrieb ausgebildet, die ein recht eigenwilliges Verständnis von Glaube, Kirche und Theologie vertreten (Nachzulesen in zahlreichen Memoranden und Erklärungen).
Der Konflikt ist zu ahnen.

Eine kleine Anekdote mag das untermauern. Eine junge Frau saß dereinst im dritten Semester ihres Lehramtsstudiums für Primarstufe in der Infoveranstaltung der Abteilung für Schule des zuständigen Bistums. Es wurden die Bedingungen für die Erteilung der Missio canonica (=Erlaubnis katholischen Religionsunterricht zu erteilen) vorgestellt. Die junge Dame wurde derweil blaß und immer blasser. Am Ende fragte sie den Mitarbeiter der Kirche, ob er das wirklich ernst meine, daß sie nicht Religion unterrichten dürfe, wenn sie z.B. mit ihrem Freund unverheiratet zusammen lebe. Man habe weder jetzt noch später die Absicht zu heiraten, zumal ihr Freund überhaupt nichts mit der Kirche zu tun haben wolle.

Nein, in dem Falle könne keine Missio erteilt werden, lautete die Antwort. Was sich die Kirche denn einbilde, sich in das Privatleben der Religionslehrer einzumischen. Gegenfrage, was sie denn motiviere ausgerechnet Theologie auf Lehramt zu studieren. Man habe ihr beim Arbeitsamt gesagt, so die Antwort, das sei die Garantie für eine Anstellung. Wann sie zuletzt Kontakt mit der Kirche gehabt habe, folgte die weitere Nachfrage. Das sei wohl bei ihrer Erstkommunion gewesen, danach sei die ganze Familie aus der Kirche ausgetreten. Der Mitarbeiter der Kirche verzichtete an dieser Stelle darauf, darüber zu informieren, daß eine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche unabdingbar für die Missio sei. Die junge Dame hatte den Raum ohnehin schon verlassen.

Das ist genau so tatsächlich vor etwas über 20 Jahren passiert. Die Studentin war in den Seminaren übrigens echt gut dabei. Man sieht, das reicht nicht.
Im Sinne dieser Anekdote steht ein Beitrag auf dem Webmagazin „y-nachten“. Ein junger Theologiestudent mit dem Berufsziel Pastoralreferent läßt sich da über seine Zweifel bezüglich der Arbeit in der Kirche aus.

Die Wahl des Studienfachs ist mir dann irgendwie so passiert, denn ehrlich gesagt hatte ich die Einschreibungsfrist für Studiengänge mit NC verpasst, und Theologie war eben zulassungsfrei.

… so schreibt er. Allein auf diese Aussage hin sollte man den jungen Mann vom Ausbildungsgang für Pastoraltheologen ausschließen. Würde man denn bei einem Metzger die Wurst kaufen, der einem verrät, er sei ja nur Metzger geworden, weil er für alles andere zu blöd gewesen sei. Doch wohl eher nicht, oder?

Ich erlebe es in der Ausbildung schon so, dass viel Wert darauf gelegt wird, wie ich ein spirituelles und geistliches Leben führen kann, wie ich meine Berufung in Beziehung zum Evangelium verstehe und diesen ganzen Kram.

Der ganze Kram (sic!) rund um geistliches Leben und Beziehung zum Evangelium ist ihm schon zuwider. Der Mann ist in dem Beruf völlig fehl am Platze.

…dass auch die Qualität meiner Christusbeziehung darüber entscheiden soll, ob und wie ich geeignet bin, im pastoralen Dienst zu arbeiten.

Ja, genau das ist es. Darauf kommt es ganz entscheidend an. Auch wenn der junge Mann das gar nicht einsieht, weil er zu beschränkt ist, zu kapieren, das die Kirche ja in der Tat der mystische Leib Christi ist. Wenn man in dem Laden arbeiten will, dann geht es nicht ohne Christus. Ende der Durchsage.

Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hier ein abschließendes Zitat aus dem Beitrag:

Das große Problem ist für mich, dass ich die katholische Kirche in ihrer Rolle als Arbeitgeberin als übergriffig erlebe. Ich bin in einem bestimmten Rahmen bereit, mich der Sache zu verschreiben, aber ich will mein Leben selbst in der Hand halten. Mir nicht vorschreiben lassen, in welchem Stadtteil ich zu wohnen habe, mit wem ich zusammenleben darf, in welches Geschlecht ich mich verlieben soll, in welcher Richtung ich mich politisch engagieren will. All das ist ja auch erst mal kein Problem, solange ich ein Leben zu leben plane, das in das Bild der heteronormativen Normalfamilie reinpasst.

Allein die Tatsache, daß ein Theologiestudent so über die Ehe und die daraus erwachsende Familie schreibt, disqualifiziert ihn komplett. An dieser Stelle fühlte ich mich wirklich an eben jene junge Studentin erinnert, die ebenfalls in Lehramtsstudium katholische Religion nur so hinein gestolpert war.

Es geht hier nicht darum, zu werten, es geht darum festzustellen, daß jemand mit dieser Einstellung zum Glauben, zur Kirche, zur Arbeit im Pastoralen Dienst der Kirche ganz einfach für diesen Job nicht geeignet ist. Es käme doch nun wirklich niemand mit Dyskalkulie auf die Idee Mathelehrer zu werden, oder?

Bleibt zu hoffen, daß der im Artikel erwähnte Versuch noch etwas anderes zu machen, am Ende von Erfolg gekrönt ist.

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Alle Zitate aus: http://y-nachten.de/2017/06/pasti-oder-antipasti/

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
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seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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