Der Weiberaufstand

Christiane Florin
Der Weiberaufstand
Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen
Kösel Verlag 2017
ISBN ISBN: 978-3-466-37191-4

Es ist ein Dilemma, ein Buch wie „Der Weiberaufstand“ rezensieren zu wollen. Alles, was der Autorin nicht zujubelt, ist nur eine erwartbare Reaktion aus dem rechtskatholischen Lager. Da könnte man die Rezension gleich lassen. Einen Link auf Ordinatio sacerdotalis und einen zu der Antwort auf die Dubia bezüglich OS zu setzen, wäre schnell gemacht. Damit wäre dann alles gesagt. Die Frage an sich ist ohnehin entschieden. Fertig. Doch so einfach ist das nicht. Und wäre es nur, um sich dem Diktat der Schwarzweißmalerei unserer Tage nicht zu beugen, so wäre dies schon Grund genug zu rezensieren.

Für die Rezension kann direkt aus dem Buch entnommen werden:
1. Der Weiberaufstand fällt aus und
2. das Buch enthält seinen eigenen Verriß.

Gut so, denn dann muß ich keinen schreiben. Verisse schreibe ich ohnehin nicht, denn das ist Werbung für Bücher, denen man keine Leser wünscht. Es ist begründungspflichtig, warum ich gerade dieses Buch zu lesen empfehle. Es ist recht einfach: Es geht um Verstehen dessen, was im Grunde nicht zu verstehen ist. Seit 1994 müßte jedem klar sein, daß es in der katholischen Kirche keine Priesterinnen geben wird. Es muß einen Grund geben, warum das Thema dennoch so ein Wiedergänger ist. Und solch ein Grund ist in diesem Buch zu finden.

Wer wissen will, warum die katholische Kirche keine Frauen zu Priesterinnen weiht, muß das vorliegende Buch lesen. Es steht alles drin. Christiane Florin hat sich ihr Fleißkärtchen verdient. Ein nichtwissenschaftliches Buch zum Thema Frauenordination liegt hier vor, im dem alle Argumente gegen die Weihe vor Frauen aufgeführt sind. Ein bißchen systematischer könnte es sein, aber geschenkt. Will man wissen, warum Frauen unbedingt Priesterinnen in der Kirche werden können sollten, so findet sich auch das im Buch. Zweites Fleißkärtchen. Eines jedoch ist klar und unverhohlen dargelegt: Es geht nur um Macht! Aus den Argumenten pro Weihe für Frauen, destilliert Christiane Florin diesen einen Aspekt heraus. Das erst macht das Buch interessant. Mit frommen Sachen hält man sich hier erst gar nicht mehr auf.

Die Autorin schreibt als Politikwissenschaftlerin. Der Blick der Autorin auf die Kirche und die Ämterfrage ist mithin rein politischer Natur. Es ist modern, in politischen Auseinandersetzungen das Argument des politischen Gegners sehr wohl zu nennen. Man ist sogar um Vollständigkeit bemüht. Statt aber an dieser Stelle die inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen, wird das Argument/ die Argumente einfach für ungültig erklärt. Am Ende bleiben nur noch ungültige Argumente gegen die Weihe von Frauen zu Priesterinnen und damit ist erwiesen, daß es natürlich Priesterinnen geben muß.

Es ist zu einfach, beispielsweise Thomas von Aquin mal eben als „mittelalterlich“ lächerlich zu machen. Sich Kenntnisse über Aristoteles zu verschaffen, ohne den der Aquinat und seine Anthropologie überhaupt nicht zu verstehen ist, wäre eine andere Sache. Man hätte es der Autorin zugetraut, doch es paßt nicht zur politischen Kirchensicht, historisches Verstehen zu generieren. Folglich unterbleibt es. Insgesamt wird die kirchliche Lehrentwicklung mit Gendertheorien recht willkürlich abgebügelt. Da bleibt am Ende nur ein dünnes Eis, auf dem versucht wird, dicke Bretter zu bohren.

Geradezu rührend wird es, wenn die Autorin in Erinnerungen schwelgt. Klosterschule, Jugendcafe im Pfarrheim, Diskussionen über Pille und Kondom in den 80ern, das weckt Erinnerungen und schon damals glaubte man, daß es bald Priesterinnen geben wird. Es weckt eigene Erinnerungen. Als nicht kirchlich Sozialisierter war man Mitte der 80er in der kirchlichen Jugendarbeit nicht anschlußfähig. Frisch bekehrt und mit reichlich Vorleben versehen, hatten wir doch alles das (und anderes) getan, wovon die Jugendlichen in den Pfarrheimen so träumerisch fabulierten. Toll! Warum machen die das nicht einfach? Sie wollten, daß die Kirche / der Papst der Pastor es erlaubt. Krass, nicht wahr? Diese kleinen piefigen Spießer, diese ewigen OberministrantInnen, wollten Papis Erlaubnis zu sündigen. Ja mehr noch, Sünde sollte es erst gar nicht mehr genannt werden. Als wenn etwas keine Sünde mehr wäre, wenn die Kirche es nicht mehr so nennt. Ekklesiolatrie im Endstadium ist das wohl. Exakt da findet sich der Kern des Problems bei dem Weiberaufstand: Sie warten auf die Erlaubnis. Teeniegezicke ist das. Mehr nicht. Man erkennt die Muster auch in ihrer ältlich gewordenen Form wieder.

In den späteren Abschnitten geht es dann um die ganz bösen Mädchen, die als ältere Damen endgültig den Kaffee auf hatten und sich auf einer Donaukreuzfahrt weihen ließen. Auch Jacqueline Straub findet Erwähnung, diese geht einen anderen Weg und versucht vor allem durch Öffentlichkeit Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu finden. Viele andere Frauen mit unterschiedlichen Ansätzen und Wegen zum Frauenpriestertum kommen vor. Die These lautet: Schaut mal. Frauen können doch geweiht werden. In der Tat ist den Donaukreuzfahrerinnen bis heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen. Die Redlichkeit gebietet es, darauf hinzuweisen, daß die Frauen in einer Sonderwelt leben, in der sie in der Tat Priesterinnen und sogar Bischöfinnen sind. Aus Sicht der Kirche sind sie definitiv nicht gültig geweiht. Hier bleibt die Autorin unscharf. Man sollte der Kirche zugestehen, darüber zu entscheiden, ob ein Sakrament gültig gespendet ist oder nicht. Das wäre Theologie, die Autorin will Politik. Zu groß ist der politische Wunsch nach einer eben doch möglichen sakramentalen Weihe und damit Macht für Frauen. Immer wieder Macht!

Es bräuchte in der Tat nicht des gefühlt phantastillionsten Buches zur endgültig entschiedenen Frage des Frauenpriestertums. „Der Weiberaufstand“ bietet dennoch etwas neues an und darum ist das Buch lesenswert. Noch nie wurde die Machtperspektive hinter der Forderung nach Priesterinnen so unverhohlen ins Zentrum des Diskurses gerückt.

Aus politischer Sicht müßte man der Autorin sogar recht geben. Es ist politisch unhaltbar, in dieser Zeit einer Frau ganz gleich welchen Posten zu verweigern. Da ist die Kirche nach Ansicht aller progressiven Kräfte in Kirche und Gesellschaft ein gar grausiger Hort ewiger Gestrigkeit.
Nun ist die Kirche in ihrem innersten Kern weder politisch noch zeitlich. Der Gedanke, daß es in ihrer sakramentalen Verfassung, Aspekte geben könnte, die sich weltlicher Sicht und weltlichem Recht entziehen könnten, findet im Buch überhaupt keine Berücksichtigung. Da das Amt in der Kirche sakramental ist, fällt es in den innersten Kern der kirchlichen Existenz. Mit dieser Sichtweise ist noch nichts über die Möglichkeit gesagt, ob Frauen geweiht werden könnten oder nicht. Es ist nur eine Sicht, die dem Wesen der Kirche gerecht würde. Wenn schon diese unterbleibt, wie soll dann eine gerechte Sicht auf das Amt gewonnen werden können? Wie soll man die Lehre von Ordination sacerdotalis verstehen oder gerecht beurteilen können? Antwort: gar nicht!

Darin – und in keinem anderen Punkt – liegt die Bruchstelle zwischen dem vorliegenden Buch und der kirchlichen Wirklichkeit. Das innerste Wesen der Kirche ist sakramental und eben nicht politisch, auch wenn die Realität in deutschen Diözesen und kirchlichen Dienststellen oft genug anderes vermuten läßt.

Aus diesem Blickwinkel wird das Buch verstehbar.

Es lohnt sich genau aus diesem Grunde es zu lesen: Es geht darum zu verstehen.

 

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Christiane Florin
Der Weiberaufstand
Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen
Kösel Verlag 2017
ISBN: 978-3-466-37191-4

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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