Beichte! Wer kennt denn einen, der einen kennt?

Beichtstühle auf dem WJT in Krakau

Laut Interview mit der slowakischen katholischen Internetzeitung „Postoj“ kennt der Vorsitzende des „ZdK“ niemanden in den Reihen dieses katholischen Laiengremiums, der beichtet. Nach einem ersten „Hoppla!“, kommt man bei ruhigerem Nachdenken schon darauf, daß das wohl stimmen wird. Warum sollte der Vorsitzende lügen? Nur weil er Politiker ist, hat er ja kein Dauerticket auf die Unwahrheit. Zudem ist das auch noch plausibel. Die Beichte ist in Deutschland quasi nicht mehr Bestandteil der Glaubenspraxis. Das gilt sogar für die, die „noch“ regelmäßig in die Kirche gehen. Auch da darf man ja durchaus Abstriche machen, denn die Statistiken sind eben Statistiken, die von den Gemeinden selbst erhoben werden. Auch die schon schmerzhaft wirkenden zehn Prozent regelmäßiger sonntäglicher Messbesucher ist noch geschönt.

Eine weitere Stelle läßt einen dann aber so richtig stolpern: „In Deutschland beichten nicht mal die frömmsten Katholiken“, behauptet der Vorsitzende des „ZdK“. Damit legt er eine Unwissenheit an den Tag, die größer nicht sein könnte. In der Tat ist die Zahl derer, die regelmäßig mindestens einmal im Jahr zur Beichte gehen sehr gering. Es fällt allerdings auf, daß gerade junge Katholiken die Beichte als geradezu selbstverständlich empfinden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie modernen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften angehören. Junge Katholiken findet man immer seltener in den Ortsgemeinden. Sie finden sich an anderen Orten zusammen. Bei Nightfever verbringen in einer Stadt wie Paderborn ungefähr vier Priester den ganzen Anbetungsabend damit Beichte zu hören. Während in den Pfarreien die Priester oft gar nicht oder vergeblich im Beichtstuhl sitzen, haben die Patres in Klöstern gerade jetzt Hochkonjunktur. Der Altersdurchschnitt der Pönitenten ist niedrig!
Die Aussage, daß auch die frömmsten nicht beichten, ist politisch motiviertes Wunschdenken. Eine grundsätzlich sakramentenkritische Haltung, die alle kirchlichen Reformgruppen prägt, findet sich auch im „ZdK“. Sie findet sich erkennbar auch im Vorstand. Die Beichte ist das erste Sakrament, das man glaubte abschaffen zu können. Im Fokus sind dabei vor allem Sakramente, die zur gültigen Spendung unbedingt eines Priesters bedürfen. Die Eucharistie glaubt man ja inzwischen als Laie „im Griff“ zu haben. Außerordentliche Kommunionspender erobern die Altarräume, wo immer man ihnen das Feld überläßt. Die Beichte war in der Tat fast abgewickelt. Nur noch ein paar ältere Leute fanden den Weg in die Beichtstühle.

Warum auch immer, so mag man sich fragen, erlebt denn die Beichte eine Renaissance? Da stehen nicht die großen Massen vor den Beichtstühlen Schlange, aber es ist eine stabile und steigende Zahl an Katholiken, die dieses Sakrament immer mehr für sich entdecken. Eine durch und durch erfreuliche Entwicklung, die nicht zuletzt auch den Weltjugendtagen zu verdanken ist. Da wird wirklich an jeder Ecke gebeichtet.
Insbesondere eine sehr seicht aufgefaßte neue Theologie glaubte in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Sünde abschaffen zu können. Damit war natürlich nicht die Sünde selbst im Fokus, vielmehr sollte die moralische Bewertung einer Handlung als Sünde abgeschafft werden. Hilfweise kamen auch Erkenntnisse aus der Psychologie zum Zuge, da ja der Mensch um zu sündigen Vorsatz haben muß. Der freie Wille war aber von angesagten Schulen der Psychologie abgeschafft worden. Also konnte man nicht mehr sündigen. Diesem Irrtum hängen auch heute noch viele Reformbewegte an. Begriffe wie Liebe und Barmherzigkeit werden bis zur Unkenntnis überstrapaziert. Da braucht es keine Beichte mehr. Ein etwas schwülstig daher kommender Bußgottesdienst reicht aus.

Interessanterweise erlebt der freie Wille parallel zur Beichte seine Renaissance. Hirnforscher aus aller Welt entdecken plötzlich Aspekte des menschlichen Gehirns, die doch sehr stark auf die Existenz eines freien Willens hinweisen. Damit ist zumindest schon mal das Potential zur Sünde gegeben. Aus der Geschichte der Menschheit und aus der eigenen Biografie wissen wir, wenn wir redlich sind sehr wohl um die Sündhaftigkeit des Menschen. Die Beichte ist ein Geschenk Gottes an den Menschen, um die Sünden zu vergeben. Wohl dem Menschen, der dieses Geschenk anzunehmen vermag.

Mit Bedauern muß man leider wieder erneut feststellen, daß Laienfunktionäre des Zentralkomitees sich bei genauerem Hinsehen durchaus als Kryptopelagianer erweisen, wenn sie gar nicht beichten. Zum Glück steht es niemandem vor der Stirn geschrieben, ob man beichtet. Und Hand aufs Herz, würden Sie sich im „ZdK“ zur Beichte bekennen? Man liest in den sozialen Medien schon wieder „Mich vertritt nicht das ZdK!“. Tut es doch! Solange der deutsche Episkopat dieses Gremium als Vertretung der Laien ansieht, wird jeder Katholik vom „ZdK“ vertreten. Man fühlt sich offensichtlich wohl miteinander. Bezahlen muß das der Kirchsteuerzahler. Das ist nicht zu ändern. Aber es ist ein Skandal!

Es sei allerdings insbesondere in Zeiten von Social Media jedem Katholiken unbenommen, sich öffentlich von unsinnigen Aussagen der Funktionäre zu distanzieren.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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