Leitung durch Laien ist nur im Notfall keine dumme Idee

Symbolbild

Es geht ein Gespenst durch das Land. Die priesterlose Gemeinde ist in aller Munde. Erst jüngst postulierte der Erzbischof von München die Gemeindeleitung durch Laien in seinem Erzbistum. Wie üblich ist dann eine große Aufbruchsrhethorik am Werke, als sei die Gemeindeleitung durch Laien der letzte Schrei einer modernen Ekklesiologie. Es ist sagenhaft, welche Wortverrenkungen westeuropäische Bischöfe machen können, wenn sie den Gemeinden den Notfall als Fortschritt verkaufen wollen. Die bedruckten Seiten der Pastoralkonzepte, die nichts anderes sind als Notfallverschleierungspapiere, bemißt sich nach Tausenden. Die Kosten für diese Prozesse gehen in die Millionen. Das Prinzip ist, ein Loch mit einem anderen zu stopfen. Die Halbwertzeit der Gültigkeit dieser mit hohem Personalaufwand erstellten Papiere hat galoppierende Schwindsucht. Jede noch größere Not wird als ein noch größerer Fortschritt verkauft. Die Laienfunktionäre aller Ebenen kirchlicher Mitwirkung sind ganz besoffen von ihrer neuen Wichtigkeit und ihre Rolle als Kirchenretter. Am Ende steht wieder ein Papier ohne Wert. Eine noch tiefere Krise löst die nächste Runde aus. Der Lackmustest, der den ph-Wert der Krise anzeigt, ist die Zahl der Weihekandidaten. Das ist nicht die Krise, das ist das Symptom der Krise, an deren Ende eine Kirche ohne Priester steht.

Eine Kirche ohne Priester kann dabei eigentlich niemand wollen. Das sakramentale Amt ist Bestandteil der Kirche. Man kann natürlich nicht sagen, niemand brauche eine Kirche ohne Priester. Es gibt Situationen, wo dies der Fall war. In Japan ließ der Shogun Togukawa alle Priester ausweise oder hinrichten. Über fast fünf Jahrhunderte hielt sich dort eine Untergrundkirche, in der Laien den Glauben weiter gaben und tauften. Missionare, die nach Öffnung Japans Anfang des 20. Jahrhunderts wieder ins Land kamen, rieben sich verwundert die Augen über die Fortexistenz des Glaubens nach eine so langen Zeit ganz ohne Priester. Man sieht daran mehrere Aspekte.

  • Es kann eine Kirche ganz ohne Priester geben.
  • Diese kann nur in einer begrenzten Region
    • für eine begrenzte Dauer
    • und nur im äußersten Notfall auf diese Weise existieren.

Der Heilige Geist versteht eine Teilkirche auch in Fällen äußerster Bedrängnis ohne sakramentales Weiheamt zu erhalten. Es handelt sich dabei um eine dramatische Notlage. Die priesterlose Laienkirche ist also alles andere als der Normalfall. Man kann nicht davon ausgehen, daß dies ein erstrebenswerter Zustand wäre. Allein das Sakrament der Taufe kann fortexistieren, wenn keine Priester mehr vorhanden sind. Das Ehesakrament leidet an einem Mangel der Formpflicht, doch in der Not zählt auch hier der vor Gemeinde bekannte Ehekonsens. Kirchenrechtler können das genauer erklären. Es mangelt an Beichte, Eucharistie, Krankensalbung, Firmung und natürlich der Weihe. Man erkennt sofort, wie arg beschnitten eine solche Laienkirche ist. Umso größer ist die Hochachtung die den japanischen Brüdern und Schwestern gebührt, die diesen Weg gegangen sind.

In Deutschland – wie auch in anderen westlichen Ländern – ist es kein äußerer Druck auf die Kirche. Es ist ein Konglomerat aus unterschiedlichen – auch regional verschiedenen – Gründen, die zum Priestermangel führen. Da ist die Demographie. Wo wenige Kinder sind, da können auch nur wenige Söhne Priester werden. Da ist die mangelnde Glaubenspraxis. Von Kindern, die nicht an eine regelmäßige Glaubenspraxis herangeführt werden, werden eben nur wenige junge Männer Priester. Wo der Priesterberuf auch innerkirchlich keinen guten Ruf mehr hat, da lockt es nur wenige junge Männer in diesen Beruf. Machen wir uns nichts vor, Berufungen sind Gnade. Wir können aus eigener Kraft keine neuen Priester gewinnen. Doch die Gnade wirkt mit der Natur. Nur wo die Natur den Boden bereitet, kann die Gnade reichlich Frucht bringen.

Es nützt alles Lamentieren nichts, die Zahl der Priester geht drastisch zurück. Die Not der Gemeinden steigt. Diese Not ist eine sakramentale Notlage. Laien können ganz sicher Katechese halten, Organisieren, verwalten, planen, eben alles, was zur äußerlichen Leitung einer Pfarrei gehört. Es gibt Gemeinden mit engagierten Laien, die einen Bienenfleiß an den Tag legen und dennoch verkümmern. Wo das Bewußtsein um die Notwendigkeit des sakramentalen Handelns der Kirche ins Vergessen fällt, da ist die Kirche nur noch eine schlechte NGO.

Es ist überhaupt keine Frage, daß eine Gemeinde ohne einen Pfarrer überleben kann. Natürlich ist es auch keine Frage, daß eine ganze Region von Gemeinden mit nur wenigen Priestern auskommen kann. Man kennt so etwas aus der nord- und ostdeutschen Diaspora. Da ist das der Normalfall. Weite Wege zur Sonntagsmesse sind den Menschen von Kindheit an vertraut. Man weiß um die Bedeutung der Sonntagsmesse und nimmt den Weg auf sich. Wie anders ist es in kernkatholischen Gebieten. Kaum müßte man einmal fünf Kilometer ins nächste Dorf fahren, schreit man gleich Zeter und Mordio, wenn in der Dorfkirche keine Messe mehr gefeiert werden kann. Den Schreihälsen sei die Frage gestellt, ob sie sich an die letzte Primiz im Dorf überhaupt noch erinnern können.
In einem solchen Klima gedeiht natürlich das Opium der Pastoralpläne bestens. Man betrügt sich doch zu gerne selber. Wenn man nur diesen neuen Plan der Synodalen, des Diözesanrates, des XYZ- Gremium mit Hilfe des fünfundzwanzigsten Organisationsberaters, der die Gemeinde heimsucht, engagiert umsetzt, dann wird alles wieder gut.

Am Ende des Prozesses, so sagen mir Pfarrer, haben die Leute nur eine Frage: Um wieviel Uhr ist die Sonntagsmesse?
Tja! Und das ist der Kern des ganzen Problems. Die sich selbst versorgende Gemeinde als Ideal von Kirche ist eine Illusion der vom Geist des Konzils besoffenen Pastoralphantasten. Die Kirche, die Bischöfe, die Laien und durchaus auch die Priester gehen dem immer wieder auf den Leim. Und mit einer ungeheuren Energie wird dann versucht, mit neuen Mitteln am Ende doch nur das Alte zu konservieren.

Es kann sein, daß der Priesternachwuchs so sehr einbricht, daß wir vielleicht künftig sogar Bistümer auflösen müssen. Das ist traurig, aber das ist kein Drama. Der Kirche ist Bestand verheißen, nicht einzelnen Bistümern und nicht einzelnen Metropolien. Der Heilige Geist wird morsche Äste absägen. Nur so bekommt der Baum Luft und Kraft, neu auszutreiben. Denen jedoch, die uns unter solch seltsamen Prämissen wie einer „Kirche vor Ort“, die von Laien geleitet wird, als Ideal statt als Notfall verkaufen wollen, sollten wir besser fliehen. Eine Kirche, die sich vorwiegend in die Hände von Organisationsberatern begibt, ist am Ende ein Konzern nahe des Konkurs. Ohne das Ideal der Sakramentalität des seelsorglichen Handelns der Kirche hochzuhalten, kann die Kirche vor Ort nicht bestehen. Eine Teilkirche ( = Bistum), die die Sakramentalität der Seelsorge nicht mehr gewährleisten kann, hat abgewirtschaftet. Da sollte man sich keiner Illusion hingeben.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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