So kann ich nicht mehr Pfarrer sein

Thomas Frings
Aus, Amen, Ende?
So kann ich nicht mehr Pfarrer sein
Herder Freiburg i.Br. 2017
176 Seiten
ISBN: 978-3-451-37797-6

Es war ein Paukenschlag, mit dem Pfarrer Thomas Frings sein Amt als Pfarrer niederlegte und seinen Bischof um eine Auszeit bat. Mit einem Text, der die Überschrift „?Kurskorrektur!“ trug, informierte der Pfarrer seine Gemeinde und die Öffentlichkeit.
Diese Kurskorrektur bildet das Herz des Buches „Aus – Amen – Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“. Es ist ein Buch, das erkennbar mit dem Herzen geschrieben ist. Schon im Vorwort bittet der ehemalige Pfarrer um Verständnis dafür, daß er manchmal direkt wird. Wer dem Pfarrer persönlich begegnet ist, kann sich das freundliche Lächeln vorstellen, das er beim Schreiben auch der strengeren Aspekte hatte.
Schon der Text Kurskorrektur hatte eine Menge Aufsehen erregt. Mit schonungsloser Ehrlichkeit schreibt hier ein Priester, der so gar nicht in das Schema progressiv/konservativ passen will. Diese Unangepaßtheit an überlieferte Schemata finden sich im Buch wieder. Im innersten Kern steht die Frage nach der Rolle der Kirche in einer Gesellschaft, in der der Glaube eher stört. Dieser notwendige Störeffekt des Glaubens, die unbedingt erforderliche Irritation durch die Anforderungen desselben, wird nach Ansicht des früheren Pfarrers durch eine Pastoral der Bedeutungslosigkeit konterkariert.
Die Eltern versprechen bei der Taufe, ihr Kind im Glauben zu erziehen. Zehn Jahre später bei der Erstkommunionvorbereitung kann das Kind nicht einmal das Kreuzzeichen. Die Kirche macht das mit. Diese religiös nicht erzogenen Kinder und ihre religiös nicht interessierten Eltern werden dann in ein System gezwungen, daß sie im Grunde selber nicht wollen. Was sie wollen ist die Erstkommunion. Sie wollen sie, weil sie Tradition ist und obwohl sie selber nicht wissen, was das ist. Diesen Zwangsautomatismus der Sakramente moniert der frühere Pfarrer und erfahrene Seelsorger. Er moniert ihn, weil er den Menschen nicht gerecht wird. Er moniert ihn auch, weil er der Kirche nicht gerecht wird.
Auf diesem Wege, davon ist Frings fest überzeugt, kann die Kirche die Menschen mit ihrer Botschaft nicht erreichen. In zahlreichen und unterschiedlichen Aspekten entfaltet er das vergebliche Tun einer Kirche, die längst nicht mehr Volkskirche ist. Trotzdem tut die Kirche alles, um volkskirchliche Strukturen aufrecht zu erhalten. Die Mitarbeiter in den Gemeinden, sowohl Priester als auch Laien brennen dabei aus. Die Vergeblichkeit des Tuns ist auf Dauer nicht auszuhalten. Die erfrischende Ehrlichkeit, mit der der Autor zugibt, voller Begeisterung in genau diesem System Jahrzehnte mitgemacht zu haben, macht das Buch glaubwürdig.

Thomas Frings

So wächst eine Glaubwürdigkeit eben dieser Einsicht in die Vergeblichkeit des Tuns. Der Versuch aus diesen Strukturen des pastoralen Hamsterrades auszubrechen und dabei im System zu bleiben, war grandios gescheitert. Der Versuch die Erstkommunion ganz anders zu machen führte zu dem Ergebnis, daß das ganz andere gar nicht gewollt wird. Es wird am wenigsten von denen gewollt, die am weitesten von der Kirche und dem Glauben entfernt sind. Nur die Tradition zählt. Der Inhalt spielt keine Rolle.
Das Buch mit einem Vorschlag abschließt, der so mutig und dabei so aufregend ist, daß man sich eigentlich fragt, warum nicht ein Bischof zugreift. Möglich wäre dies sofort. Thomas Frings ist kein Revoluzzer, der die Kirche neu erfinden will. Sein Anliegen ist es eine missionarische Kirche zu haben. Sein Gemeindemodell gleicht einer Zwiebel. Nur wer im innersten Kern ist, hat die volle sakramentale Gemeinschaft mit der Kirche. Nur dort ist der Ort, wo diese Sakramentalität gelebt wird und nicht nur Anlaß für ein Familienfest ist.
Dieser so abgeschlossene Kern, man könnte fast von einer neuen Arkandisziplin sprechen, ist aber gerade kein elitärer Zirkel, der ausgrenzt. Vielmehr öffnet sich erst so die Gemeinde für die Menschen, die auf der Suche sind, aber eine sakramentale Bindung nicht oder noch nicht eingehen können. Die Möglichkeiten, die sich da öffnen kennen fast keine Grenzen. Die Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinde kann schon vor einer sakramentalen Bindung beginnen.
Tief beeindruckend ist die Suchbewegung, die hier beschrieben wird. Dabei ist klar, daß der innerste Kern katholisch ist und bleibt. Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des Tuns einer solchen Gemeinde. Die Gemeinde mutet aber die Eucharistie nur denen zu, die sie wirklich wollen und leben wollen. Das ist die größte Ähnlichkeit zur Urkirche, die realistisch und jenseits romantischer Urkirchenträume denkbar ist.
Der Clou daran ist jedoch, daß dieses Modell nicht die herkömmliche Pfarrei ersetzen soll und auch nicht kann. Das neue Modell nimmt auch niemandem etwas weg, denn die Menschen, die sich in einer klassischen Pfarrei wohl fühlen, werden in so eine neue Gemeinde gar nicht gehen wollen. Ein tröstlicher Gedanke für alle, die mit dem zufrieden sind, was sie haben.
Die Lektüre des Buches bietet keine fertigen Antworten. Darum steht hinter dem Titel auch ein Fragezeichen. Der Autor sieht seinen Weg mit der Kirche noch lange nicht am Ende. Was in dem Buch an Gedanken zur Zukunft zu finden ist, das findet sich in ähnlicher Weise an vielen Orten wieder. Nightfever, die MEHR Konferenzen, Prayerfestivals und viele andere neue Entwicklungen in der Kirche deuten in ähnliche Richtungen. Insofern ist das Buch kein Einzelfall, vielmehr liegt es voll im Trend. In diesem Trend liegt eine Dynamik zum selber weiter denken und selber ausprobieren. Die im Buch vorgelegten Gedanken des früheren Pfarrers und jetzigen Postulanten eines Benediktinerklosters lohnen ein Weiterdenken allemal mehr als alle bisherigen pastoralen Prozesse, die doch nur das Alte konservieren wollen. Frischkost ist gesünder als Konserve. Das gilt auch im Glauben.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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Leseratte
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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