Kein Rant ohne Polarisierung

Es war durchaus eine größere Zahl an Rückmeldungen, die mich zu meinem Rant auf theGermanZ erreichte. Fundamental oder doch fundamentalistisch? So fragte ein User auf FB unter einer der zahlreichen Verlinkungen des Artikels. Weder noch müßte man ehrlicherweise sagen. Es war ein Vulkanausbruch an Zorn, aus dem sich mein Artikel speiste. Doch der Zorn ist nicht ungefiltert auf den Leser herab geprasselt, sondern er ging durch einen Filter. Wer schreibt, komponiert auch immer. Man folgt einer Linie, zieht Nebenlinien aus und führt sie am Ende zusammen oder läßt offene Enden baumeln, um den Leser zum Denken zu bewegen. Der Zorn floß also gelenkt in den Artikel. Dem Schreiber erlaubt dies, beim Verfassen eines Rant eben gerade nicht mit Schaum vor dem Mund zu arbeiten und sich womöglich in einen ungelenkten Zorn hinein zu steigern. Man könnte idealerweise sogar von einer professionellen Distanz zur Sache reden. Denn auch bei meinungsstarken Artikeln gilt, daß man sich nicht mit der Sache gemein machen soll.
Gerade letzteres ist etwas speziell, wenn es nicht nur das eigene Fachgebiet betrifft (hier die Theologie) sondern auch an eine existenzielle Sache rührt (hier der Glaube der Kirche). Die Absicht, die Kirche umzubauen, zu demokratisieren und zu protestantisieren, ist mir erstmals aufgefallen, als die „Kölner Erklärung“ von sich reden machte. Naiv wie ich damals noch war, fragte ich mich, warum man den Unterzeichnern nicht einfach sofort die Lehrstühle wegnimmt. Völlig schockiert nahm ich nämlich zur Kenntnis, daß das ja die Leute waren, die mich später im Theologiestudium ausbilden sollten. Das Theologiestudium kann man überleben ohne den Glauben zu verlieren. Das verlangt allerdings geistliche Arbeit und eine gewisse Meisterschaft der Camouflage. Man lernt, was die Professoren in den Prüfungen hören wollen und plappert es herunter, um die Noten zu bekommen. Den Rest bringt man sich selber aus guten Büchern bei. FunFact: Man kennt auf diesem Wege unter Umständen sogar die Namen der Häresien, die von den eigenen Professoren vertreten werden. Es ist ja nicht so, als würden die Pseudo-, Krypo- oder Semihäretiker unserer Tage ihre Irttümer immer neu erfinden. Die denken zwar, sie hätten da etwas ganz neues herausgefunden, aber ein guter Kirchengeschichtedozent rückt diese Ansicht schnell wieder gerade.
Es gibt nichts neues unter der Sonne. Alles war schon mal da. Darum war das Schreiben der pensionierten Pfarrer aus dem Erzbistum Köln keine so große Novität. Nicht einmal die Inhalte waren besonders originell. Auch das Ansprechen der emotionalen Seite ist keine Neuigkeit. Mit welch einer emotionalen Verve sich Theologieprofessoren seinerzeit über die Ernennung von Kardinal Meisner zum Erzbischof von Köln echauffierten, kann man nachlesen. Fast gewinnt man den Eindruck, es sei eine tiefe persönliche Kränkung der Verfasser gewesen. Die Methode gehorcht demselben Prinzip, dem auch mein Rant gehorcht. Emotionen kann man nicht so leicht anfechten. Und darum richtete sich auch die erste Kritik an meinem Rant gegen die .zugegeben scharfe – Polemik gegen die gefühlte Einsamkeit der Verfasser. Emotionen haben zu gelten! Obwohl mir in der Sache dann Recht gegeben wurde, hatten die Emotionen trotzdem gefälligst zu gelten. Ein interessanter Aspekt, den zu untersuchen hier den Rahmen sprengen würde.
Inhaltlich ist es, wie derartige Erklärungen der letzten rund 40 Jahre immer, fast deckungsgleich mit den jeweiligen Vorgängerschreiben sind. Immer wieder beruft man sich auf das II. Vatikanische Konzil, welches man damit arg überstrapaziert. Die Texte dieses letzten Konzils werden auch höchstens fragmentarisch genutzt. So hat man bei Gaudium et spes durchaus den Eindruck, als habe von dem Text selbst niemand mehr gelesen als den ersten Satz. Wertvolle Gedanken aus GS, die man in die Diskussion werfen möchte, werden wie viele andere Belegestellen aus den Konzilsdokumenten mit dem „Geist des Konzils“ abgebügelt. Es hält sich unausrottbar das Gerücht, die Konzilsväter hätten mit ihren Reformen viel weiter (wohin eigentlich?) gehen wollen, doch finstere erzkonservative Kräfte im Vatikan hätten dies verhindert. Grandios! Damit kann ich jede noch so krude Forderung auf das letzte Konzil stützen.
Diese These ist der Kerngedanke, will man den Memoranden- und Erklärungswahn der Nachkonzilsgeneration verstehen. Konzilsromantiker werden nicht müde uns zu erklären, wie die Kirche eigentlich aussehen müßte, wenn man DAS KONZIL nur gelassen hätte. Unter dieser Prämisse muß man nicht nur den Brief der pensionierten Pfarrer lesen. Man kann eine große Anzahl von Texten unter diesen Vorzeichen erst richtig verstehen. Verstehen heißt aber hier nicht, sie auch billigen zu können. Jene Pfarrer haben sich offensichtlich in einem geistlichen Leichtsinn auf einen Weg gemacht, der sie nun in diese Situation geführt hat, die sie so bitter beklagen. Alte, frustrierte, einsame und gescheiterte Männer am Ende ihres Berufsweges sind sie nun und sehen, daß sich keines ihrer Ziele hat verwirklichen lassen. Wo ist die Berufung in de Nachfolge des Herrn geblieben?
Die Einsamkeit beklagen sie wortreich. Wie viele von ihnen haben denn damals wohl einem jungen Mädchen Hoffnungen gemacht? Man glaubte wohl wirklich, das Zölibat werde bald fallen und dann ist das Mädchen Frau Pfarrer im katholischen Pfarrhaus. Man kann da natürlich nur spekulieren. Doch das Schreiben selbst läßt ja den Schluß durchaus zu. Es war wohl diese frühe Nachkonzilsgeneration von Priestern, die das Gerücht, alle Pfarrer hätten „was“ mit ihrer Haushälterin noch mal so richtig beflügelt hat.
Viele ältere Pfarrer sind entgegen der Behauptung im Brief überhaupt gar nicht einsam. Sie verbringen einen frohen und erfüllten Lebensabend, denn sie können aus einem reichen Schatz an geistlicher Erfahrung schöpfen und diesen an viele Menschen weiter geben. Wie viele Priester werden im Alter erst so richtig geistlicher Vater und Beichtvater für Suchende und Glaubende. Denn dann endlich haben sie Zeit dafür. Dazu muß man allerdings mit der eigenen Priesterbiografie wirklich versöhnt sein. Das verlangt gerade in den mittleren Jahren viel Arbeit an sich selbst. Auch als Laie muß man an sich arbeiten, wenn der Lack mit 40+ beginnt zu blättern und mit 50+ die ersten echten Zipperlein die juvenile Kraft ultimativ terminieren. Auch in einer Ehe kann es Alterseinsamkeit geben. Die Herren Pfarrer romantisieren in ihrem Schreiben ganz schön herum, wenn sie ihre Einsamkeit bejammern.
Wenn die juvenile Kraft versiegt, dann gilt es, gleich ob Zölibatär oder Ehemann, die Kraft des Alters zu erwerben. Altersmilde oder Alterszorn das ist letztlich eine Geschmacksfrage, Hauptsache es gelingt, sich mehr und mehr mit der eigenen Biografie, vor allem mit ihren Brüchen, Macken und Schrammen zu versöhnen. Daraus wächst die Kraft, die einen im Alter nicht zum pensionierten Jammerlappen macht.
So nämlich kommen sie rüber: Jammerlappen! Alles was sie in ihren Phantasien erträumten ist gescheitert. Und nun sitzen sie da und schreiben Jammerlappenbriefe. Das stößt ab. Das stößt alle die ab, die nicht Claqueure der ewiggleichen, ewiggestrigen Kirchenreformprotagonisten sind. Das stößt aber auch jene ab, die in der Jugend vielleicht die gleichen Träume hatten und irgendwann erkannten, daß die Träume nicht realisierbar sind. Die Kirche ist eben kein Verein wie jeder andere. Die Kirche gehört auch nicht ins Dorf. Der Dorfmief macht sie nur spießig und altbacken. In der Dorfkirche sitzen auch nur noch die Alten, die den Untergang bejammern. Die Kirche ist die Kirche Gottes und sie ist universal. Wer das akzeptiert gewinnt erst wirklich eine gedankliche Weite. In der Weltkirche sind junge und alt gemeinsam auf dem Weg, dem wiederkommenden Christus entgegen zu gehen.
Die Kirche Gottes wird geführt vom Heiligen Geist. Das verhindert Vereinsmeierei, Spießigkeit und Kungeln mit dem Zeitgeist. Alles dies sind alte Versuchungen. So können sich die pensionierten geistlichen Herren zumindest rühmen in einer unrühmlichen Tradition zu stehen. Sie hätten ihre Thesen auch an eine Kirchentür nageln können. Alles schon mal da gewesen.
Von Bischöfen wird zuweilen gewarnt, nicht die Spaltung herbei zu reden. Sie ist längst da. Man muß sie gar nicht herbeireden. Unter einer hauchdünnen Firnis verborgen, prägt sie den Alltag der Kirche. Und an dieser inneren Zerrissenheit, das müssen sich auch die Briefschreiber vorwerfen lassen, haben sie Zeit ihres Priesterlebens mitgearbeitet oder sie zumindest nicht konsequent genug bekämpft.
Windelweich gespülte Verkündigung, Abschaffung der Sünde, Allerlösungslehre und vieles andere mehr haben die Kirche in unserem Land unterspült und den Glauben der Menschen ausgehöhlt. Niemand mache sich Illusionen, man müsse jetzt nur wieder die Alte Messe feiern und knackig predigen, dann werde schon wieder alles. Das ist nicht der Fall. Eine zerbrochene Vase kann man nicht reparieren, indem man ein paar hübsche Blumen hinein stellt.
Eine Novum trat dann doch noch zu Tage. Sie beklagten die sogenannten pastoralen Prozesse, die dazu führten, daß große unüberschaubare Räume entstehen, die Priester – so sei es hier mal interpretiert – zu Managern und Zelebrationsmaschinen machen. Recht haben sie. Doch Alternativvorschläge machen sie auch nicht. Man kommt auch nicht umhin festzustellen, daß sie es waren, die fleißig daran mitgewirkt haben, genau die Situation herbei zu führen, die jetzt die pastoralen Prozesse auslöst.
Auch jenseits der Wut über die alten Männer (ganz knackig bin ich ja auch nicht mehr!), bleibt eine massive Enttäuschung über die Uneinsichtigkeit. Würden sie doch endlich eingestehen, daß sie mitgewirkt haben, den gruseligen Zustand der Kirche in Deutschland mit verursacht zu haben. Man könnte sich dann wenigstens offensiv mit dieser Konzilsromatikergeneration versöhnen. So bleiben nur Wut und Trauer angesichts des ruinierten Glaubens im Land. Und dann schreibt man auch schon mal einen Rant …

 

(…ist ja nicht so, als würde das nicht auch Spaß machen, so zu schreiben…)

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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