Ach, das liebe Geld

Wenn die Kirche in der jüngsten Zeit Schlagzeilen macht, dann macht sie diese häufig mit Geld. Die Milliarden prasseln einem nur so um die Ohren. Da drängen sich Bilder auf. Ein Kardinal, der gleich Dagobert Duck sein morgendliches Bad im Geldspeicher nimmt. Ein Generalvikar, der vor lauter Geld nicht mehr weiß, wie er sein Büro betreten soll. München meldet ein Vermögen von 5,5 Mrd €, in Paderborn sind es über 4 Mrd blank polierte Talerchen, Köln bringt es auf 3,4 mal zehn hoch neun Euronen. Fast ergreift einen Mitleid mit den Bischöfen, die bei dreistelligen Millionenvermögen eine kärgliche Existenz fristen.

Da ist es doch ein Trost, daß die Kirchensteuereinnahmen mal wieder alle Rekorde brechen, denn auch die armen Bischöfe profitieren davon. Die Gesamtheit der katholischen Bistümer in Deutschland darf sich über einen Geldregen in Höhe von gut 6 Mrd. € freuen. Da fallen die Rekordzahlen bei den Kirchenaustritten nicht ins Gewicht. Wen kümmert es schon, denn es treten ja offensichtlich sowieso nur die aus, deren Einkommen für die Kirchensteuer unbedeutend sind.

Auf Druck durch den in der Öffentlichkeit als Finanzskandal verkauften Bau eines Bischofshauses in Limburg, jene winzige Diözese in der Region Hessen Nassau, eilen die Bischöfe und ihre Ordinariate Bilanzen nach HGB zu veröffentlichen. Daß Limburg kein Finanzskandal gewesen sein kann, weiß man spätestens seit Veröffentlichung der dortigen Bilanz. Und dennoch: Man bucht, bewertet, testiert, publiziert. Dabei unterwirft man sich einem Regelwerk, das für einen ganz anderen Zweck geschaffen wurde und an kirchliche Verhältnisse kaum zu adaptieren ist. Über wie viele Jahre schreibt man eigentlich eine Kathedrale ab? 500? 700? 1000?  Wie bewertet man die überhaupt? Werden da wirklich realistische Größen abgebildet? Sofern es sich um verwertbare Liegenschaften wie Bürogebäude, Schulen, Bildungseinrichtungen oder Wohngebäude handelt, mag das alles noch angehen. Hier lassen sich Wert und Werteverzehr abbilden. Gleiches gilt für Geldanlagen, die zum Marktwert abgebildet werden können. Bei allfälligen Neubewertungen in den kommenden Jahren verbirgt sich hier die Chance auf stille Reserven aber auch auf bilanzielle Sprengsätze in Folge zu hoch bewerteter Anlagen.

Was nur selten in den Blick der milliardenbesoffenen Meldungen kommt, ist die Tatsache, daß Bilanzen von Bistümern nichts über den Reichtum der Kirche aussagen. Dabei geht es gar nicht darum, daß z.B. der VDD in bilanzieller Hinsicht verschlossener ist, als jede Auster. Eine einseitige Tortengrafik gibt Auskunft über den Haushalt. Das ist dünn und könnte der nächste Raum für Spekulationen sein. Es geht auch nicht darum, daß keinerlei Zahlen von Pfarreien veröffentlicht werden. Glaubt man Kirchenvorständen, so ist die örtliche Pfarrei in manchen Gebieten der größte Grundeigentümer. Das gilt zumeist allerdings nur für die alten, historisch gewachsenen Pfarreien. Die jüngeren, die in den 50er und 60er Jahren gegründet wurden, können davon nur träumen. Auch von Klöstern bekommt man in der Regel keine Bilanzen. Auch hier dürfte doch noch so manche Schatulle prall gefüllt sein. Wollen wir das wirklich wissen?

Die bessere Frage ist hier wohl, warum wir das wissen wollen. Einer der führenden „Experten“ in Sachen Geld der Kirche ist übrigens ein kämpferischer Atheist. Gleichermaßen kenntnisreich und vorurteilsbeladen wühlt Carsten Frerk seit Jahren in Kirchenschatullen, um der Öffentlichkeit zu zeigen wieviele gleich in die hunderte gehende Milliarden an Vermögen diese lausige Kirche angehäuft hat. Der Mechanismus hat funktioniert. Während auf der einen Veranstaltung Vorstandsvorsitzende ihren Shareholdern mit leuchtenden Augen und strahlendem Lächeln ihre Milliarden in Form von Gewinnen präsentieren, hüllen sich katholische Bischöfe und Generalvikare aus gleichem Anlaß in bescheidene Gewänder und setzen eine Trauermine auf. Ja mehr noch, in München betonte man, man habe sein Geld vor sich selbst in „Sicherheit“ gebracht. Eine faszinierende Entwicklung zeichnet sich da ab.

Die veröffentlichte Meinung feiert derweil den Papst und seine Arme Kirche der Armen. Zeitgleich zeigt sich ausgerechnet in Deutschland, daß der Vorsitzende des Vatikanischen Wirtschaftsrates über eine der (in Geld gemessen) reichsten Diözesen der Welt gebietet. Da bekommen dessen Appelle für eine arme Kirche doch gleich ein ganz anderes Gewicht. Doch die Jagd der veröffentlichten Meinung auf die Gelder der Kirche ist noch lange nicht zu Ende. Sie wird auch dann nicht zu Ende sein, wenn die letzte Pfarrei, das letzte Kloster und der letzte Eremit ihre Vermögen offen gelegt haben. Das Ziel ist ein ganz anderes. Zuerst einmal stehen die Staatsleistungen an die Kirche im Visier. Jahr für Jahr werden die Gehälter von Bischöfen, Weihbischöfen, Domkapitularen, Domvikaren und anderen Geistlichen von den Bundesländern übernommen. Theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten sind den Atheisten schon lange ein Dorn im Auge. Gleiches gilt für die Refinanzierung von Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen. Dies ist keine Sonderstellung der Kirche, diese Leistungen bekommt jeder Träger derartiger Einrichtungen.

Als Endziel der Jagd auf die Kirchenfinanzen kann sehr wohl angenommen werden, daß man sich ihrer gern bedienen möchte. Schon längst sind die Enteignungen der Säkularisation wieder eingeholt. In der Kirche wird nachhaltig gewirtschaftet und niemand trachtet danach sich persönlich zu bereichern. Wozu auch? Der wahre Reichtum ist im Diesseits ohnehin nicht zu finden.

Staatsleistungen und Kirchensteuer könnten von heute auf morgen abgeschafft werden. Die Kirche müßte nicht darben und kein Pfarrer müßte verhungern. Doch auch der Staat hat ein Interesse daran, die Kirche „im System“ zu halten. Eine völlig unabhängige Kirche, selbst wenn sie finanziell viel schwächer aufgestellt wäre, müßte zwingend ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein. Es geht also, von einigen radikalen Ideologen abgesehen, gar nicht darum, die Kirche etwa enteignen zu wollen. Es geht darum die Kirche unter Knute der veröffentlichen Meinung und des Mainstreams zu halten. Die Waffe „Geld“ ist dazu hervorragend geeignet. Noch besser ist diese Waffe geeignet, wenn man immer wieder allen transparenten Bilanzpressekonferenzen zum Trotz noch irgendwo geheime Konten und Liegenschaften vermuten kann. Natürlich zu Recht, denn selbst Kirchenvorstände kennen nicht den Gesamtumfang des Vermögens der Gemeinde. Da bleibt reichlich Raum für Spekulatius.

Der Mammon, das weiß jeder, der schon einmal den Jedermann gesehen hat, ist nur so lange ein Diener, wie er selber das will. Am Ende entpuppt er sich als grausamer Götze. Weise wäre es also würden die Bischöfe nicht das Vermögen ihrer Diözesen vor sich in Sicherheit bringen, sondern sich selbst vor dem Vermögen ihrer Diözese retten.Am Ende wird es sie oder ihre Nachfolger nämlich so schmählich im Stich lassen, wie wir es bei Hugo von Hofmannsthal sehen können. Schon jetzt zeigt es sich, wie exakt entgegengesetzt das Verhältnis von Glaubenskraft und Vermögen ist. Man darf vermutlich zu Recht davon ausgehen, daß die Gesamtheit der kirchlichen Körperschaften in Deutschland den Großteil des weltweiten kirchlichen Vermögens kumuliert haben. Reicher als in Deutschland ist die Kirche wohl nirgendwo in der Welt. Ärmer allerdings auch nicht. Kaum irgendwo sonst auf der Welt ist die Kirche so glaubensschwach wie bei uns.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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