Radikale Christen

wtf Radikale Christen! Was bitteschön soll das sein?

Damit das mal gleich klar ist: Christentum ist immer radikal. Das wird schon deutlich, wenn man auf das Zeichen der Christen schaut. Es ist das Kreuz. Ein grausames römisches Marterinstrument, an dem in der Antike tausende Menschen den Tod gefunden haben.

Davor blieb auch der Sohn Gottes nicht bewahrt, der in die Welt kam, um die Welt zu erlösen. Die Radikalität der Erlösung liegt in der Radikalität der Konsequenz, die Gott für die Rettung der Menschen auf sich genommen hat.

Ja, das ist radikal im wirklichen Sinne des Wortes.

Aber wie so vieles in unserer Zeit eine Umwertung erfahren hat, so hat auch der Begriff des religiösen Radikalismus eine ganz andere Konnotation als die oben genannte. Radikale Fanatiker töten im Namen des Islam weltweit Menschen bei Terrorakten. Und es wird der Begriff „radikal“ heute im wesentlichen für zumeist gewaltbereite Menschen, die ihrer Weltanschauung, ganz gleich, ob politisch oder religiös, einen Absolutheitsanspruch einräumen, der die Anwendung von Gewalt rechtfertigen soll. Radikale Linke fackeln im ganzen Land Autos und Häuser ab. Sie rufen zu Gewalt gegen Sachen und Personen im Namen ihrer linken Ideologie auf. Man nennt sie „radikal“ und die Gewalt schwingt mit.

Und dann liest man diese Schlagzeile:

Radikale Christen demonstrieren beim „Marsch für das Leben“

Gemeint sind 600 Personen, die gestern in Annaberg im Erzgebirge am einem Schweigemarsch für das Leben teilgenommen haben. Nach wie vor werden in unserem Land, einem der reichsten der Erde, Jahr für Jahr 100.000 Menschen auf brutale Weise getötet. Zumeist werden diese Menschen durch Unterdruck zerstückelt und von einer Maschine aufgesogen. Andere werden vergiftet und dann im medizinischen Abfall entsorgt. Dies passiert in einem Land, das sich große menschliche Errungenschaften auf die Fahne schreibt. Es passiert in einem Land, in dem – zu Recht! – ein Aufschrei erschallt, wenn im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken. Die kleinen Menschen, die Jahr für Jahr sterben müssen, werden nicht so betrauert. Auch ihrer Mütter, die an der Tötung der Kinder auch dann leiden, wenn sie zugestimmt haben, nimmt sich niemand an. Das ist ein Skandal.

Es waren 600 Menschen, die sich mit dem stillschweigend geduldeten Abtreibungsunrecht nicht abfinden wollen. Die Morgenpost bezeichnet sie als radikale Christen. Und so sie denn Christen sind, sind sie das auch, denn sie stellen sich mit ihrem schweigenden Protest an die Seite derer, die einen ungerechten Tod erleiden müssen. Man kann es nicht oft genug sagen, es sind mehr als 100.000 in jedem Jahr. Das geht schon seit Jahrzehnten so. Radikal ist aber dann doch nicht das, was der Autor versucht zu suggerieren.

600 radikale Christen demonstrierten am Abend im Erzgebirge beim „Marsch für das Leben“ gegen Abtreibung. Ihnen stellten sich knapp 200 Gegendemonstranten unter dem Motto „Pro Choice“ (für die Wahl) entgegen.

… schreibt die Mopo. Und dann geht es weiter. Die zweihundert Gegendemonstranten, die vorgeben für eine Wahl zu sein – Was für eine Wahl ist der Tod denn eigentlich? – zeigen sich als die Radikalen in dem Sinne, in dem das Wort heute benutzt wird. Sie wenden Gewalt an, indem sie gegen den Schweigemarsch anbrüllen. Ja, auch das ist schon Gewalt, denn wer einmal an einen Marsch für das Leben teilgenommen hat, weiß welche Verbalgewalt in den gebrüllten Sprüchen zum Ausdruck kommt. Aber sie wenden auch physische Gewalt an, indem sie Feuerwerkskörper auf die friedlichen Demonstranten werfen. Es kommt zu Verletzungen. Wer einen Sprengsatz wirft, der unterscheidet nicht zwischen einem Feuerwerkskörper und eine Handgranate. Das sollte man wissen.

Nun lehne man sich zurück und bedenke die Wirkung der Wortwahl.

Die friedlichen Demonstranten, die in einem Schweigemarsch gegen die hunderttausendfache Tötung kleinster Menschen in unserem Land demonstrieren, werden als „Radikale“ tituliert.

Die gewalttätigen Gegendemonstranten sind „für die Wahl“, das heißt ja für die Freiheit. Welche Freiheit noch gleich? Kleinstkinder nur deshalb töten zu dürfen, weil sie gerade nicht passen oder behindert sind?

Wer die Medienwelt unserer Tage genießt, braucht keinen Orwell mehr, um Neusprech zu lernen. Doppelplusgut, Herr Kollege, der große Bruder wird Dich belohnen.

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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