Es stimmt und doch stimmt es nicht

Kann etwas wahr und falsch zugleich sein? Nein, den Gesetzen der Logik zu Folge ist eine Aussage entweder wahr oder sie ist falsch. Es gibt aber Aussagen, die sind dann und nur dann wahr, liest man sie unter einem bestimmten Vorzeichen. Ebenso sind sie unwahr oder besser unzutreffend, betrachtet man sie aus einem anderen Gesichtspunkt.

Nightfever

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In etwa so ist es mit der These, daß da wo es in der Kirche, d.h. an einzelnen Orten (Klöstern, Pfarreien …)  lehramtstreu zugeht, das pralle Leben pulsiere. Es stimmt. Die Seminare der traditionellen Gemeinschaften können nicht über Nachwuchsmangel klagen. An vielen Orten sind die Kirchen werktags brechend voll, während andernorts am Sonntag gähnende Leere herrscht. Sehr oft geht es dort sehr lebendig zu, wo man die außerordentliche Form der Hl. Messe feiert. Doch auch an Orten, wo die ordentliche Form zelebriert wird, kann starker Zulauf herrschen.

Dafür muß es doch einen Grund geben. Was machen denn die einen falsch und was machen die anderen richtig? Kann es ein Patentrezept geben, wie man so etwas „machen“ kann? Oder ist am Ende doch alles eine womöglich völlig ungerechte Gnade, die mit der Gießkanne vom Himmel verteilt wird?

Es war ein Kommentar auf kath.net unter einem Artikel von mir, den kath.net aus meinem Blog zweitverwertet hatte, der die Anregung zu diesem Artikel gab:

Die „Volkskirche“ blüht und wächst dort, wo noch ein ohne Wenn und Aber katholischer Priester wirken kann! Es gibt Beispiele […]

[…] Ordensgemeinschaften, Hochschulen, Pfarreien – wo lehramtstreue Inhalte gelebt und verkündet werden – dort IST KIRCHE!!! Dort lebt sie!

Nun könnte man, sollte das denn wirklich so sein, auf die simple Idee kommen, wir stellen überall auf außerordentliche Messe um und es wird nur noch stramm lehramtstreu gepredigt, dann wird alles wieder gut. Die Volkskirche blüht neu auf.

Und da stimmt es dann nicht mehr. Obwohl also die reine Beobachtung, völlig korrekt ist, daß es Orte gibt, an denen katholisches Leben pulst und blüht, kann man keine einfache Formel aufstellen: Macht es so, dann klappt das auch wieder mit der Kirche!

Das war auch in der Vergangenheit nie so. Eine Uniformität war der Kirche stets unbekannt. Ebenso wie es in der Kirche keinen Zentralismus, keine steilen Hierarchien und keine einfachen Lösungen gibt. Subsidiarität und extrem flache Hierarchien waren schon immer die große Stärke der Kirche. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus einmal darüber nachdenken, wie ein zentralistisch verordnetes Pastoralkonzept oder mit dem Reißzirkel gezogene Grenzen von pastoralen Räumen mit diesen Prinzipien kompatibel oder eben nicht kompatibel sind. Wie sie sich auswirken, kann man in der Praxis sehr leicht sehen.

Es gibt, jenseits aller Planung und aller Versuche der Einebnung, nach wie vor wirklich starke Orte und Gemeinschaften in der Kirche, die viele Menschen anziehen. Der Grund liegt vor allem darin, daß die Menschen in ihren sterbenden Pfarreien nur noch den verwalteten Niedergang erleben. Die erdrückend meisten Menschen messen dem Glauben keinerlei oder allenfalls einen sehr untergeordneten Stellenwert bei. Verbindlichkeit des Glaubens wird auch dann nicht gelebt, wenn man den Lebenswendefeiern Taufe, Erstkommunion, Firmung und Hochzeit eine gerade mal noch traditionsgeprägte Bedeutung zumißt. Jeder kennt das Phänomen der jährlich temporär über die Sonntagsmesse herfallenden Kommunionkinder und ihre (zumeist gestreßten) Muttis. Ahnungslosigkeit bezüglich dessen, was hier gerade passiert gehört zum System.

Und von den 10 % regelmäßigen Kirchgängern ist die erdrückende Mehrheit weit über 70 Jahre alt. In einem Alter also, in dem man sich durchaus zu Recht sagen kann, daß die Kirche vor Ort einen wohl noch überleben wird. Auch dies trifft zu, denn wenn Priester persönliche Seelsorge machen, dann am ehesten für ältere Menschen, für Kranke, Bettlägerige und Sterbende. Es gibt für diese Altersgruppe, die in ihrem Leben immer treu zur Kirche stand, keinen Grund noch etwas anderes zu suchen als die Gemeinde vor Ort, wenn der Pfarrer nicht ein ganz schräger Vogel ist.

Doch da gibt es auch noch die jüngeren Katholiken. Angefangen von Jugendlichen über junge Erwachsene bis hin zu jungen Familien, die dem Glauben für sich eine Bedeutung beimessen. Diese finden vor Ort nichts. Jenseits der Erstkommunionkatechese, die für jedes Kind aus einem gläubigen, praktizierenden Elternhaus in den allermeisten Fällen nur zum Weglaufen ist, gibt es meistens nichts. Sie sind wenige, erschreckend wenige. Sie sind vor Ort zumeist Exoten, in der Gemeinde und auch vom Pfarrer oft gar nicht ernst genommen.

So fängt man an zu suchen. Intuitiv merkt jeder, der sich im Glauben auf den Weg macht, daß es einen Stillstand im Glauben nicht geben darf. Es gilt das Wachstum im Glauben zu suchen. Es gilt die Beziehung zu Christus zu vertiefen. Das ist kein linearer und erst recht kein planbarer Prozeß. Es ist jedoch – und das verstehen immer mehr Menschen – ein Prozeß der nur mit einer sakramentalen Begleitung des eigenen Glaubenslebens gangbar ist. Es ist ein Werden, nie ein abgeschlossenes Sein. So sucht man sich seinen Ort, seine Gemeinschaft, wo man das finden kann, was man vor Ort zumeist vergebens sucht.

Es ist wenig verwunderlich, daß die Orte, Gemeinden, Gemeinschaften, in denen man fündig wird, alle eines gemeinsam haben: Eine Sakramentalität der Seelsorge. Da wird die Hl. Messe (ohne Experimente) gefeiert, da wird die Beichte gehört, da wird die Krankensalbung gespendet. Da steht die Ehe als Keimzelle der Familie und der Kirche im Mittelpunkt, da wird eine gesunde priesterliche Spiritualität gepflegt. Auch die Berufungspastoral hat ihren systematischen Ort in einem solchen von Sakramentalität geprägten Umfeld. Keine Rolle dagegen spielen dort irgendwelche Pastoralprogramme oder -konzepte. Keine Rolle spielen auch Dialoge oder ein Gegeneinander von Klerus und Laien. Natürlich sind auch an solchen Orten, in solchen Gemeinschaften Menschen am Werk. Auch da menschelt es, auch an solchen Orten gibt es Enttäuschungen. Den Himmel streben wir ja schließlich erst an, erreicht haben wir ihn noch nicht und werden ihn im Diesseits mit unserer von der Erbsünde gebrochenen Natur nicht.

Dennoch spürt man dort eines: Die Kraft des Glaubens. Ganz nebenbei ergibt sich auch noch der tröstliche Eindruck, als Katholik nicht allein auf weiter Flur zu stehen. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind auch größere Zusammenkünfte, Wallfahrten, Kongresse, Prayerfestivals und ähnliches so wichtig. Sie sind Orte an denen man geistlich aber auch geistig auftanken kann. Sie sind unserer Zeit entsprechend. Einer Zeit, in der die Volkskirche schlicht nicht mehr existiert und nur noch in Überbleibseln eine maximal kulturelle Rolle spielt.

Wir sollten wissen, wir sind nicht die große Masse, doch wir sind nicht allein. Christus, der für seine Kirche sorgt, hat uns den Heiligen Geist gesandt. Der Heilige Geist lenkt die Kirche auch durch diese Zeiten. Darum sollte jeder, der sich im Glauben auf den Weg macht, seinen Horizont weiten und nicht (nur) auf die eigene Pfarrei schauen. Man sollte sich vor allem nicht der Illusion hingeben, wenn unser Pfarrer jetzt alles so macht, wie der Pfarrer XY in Z das macht, dann wird es bei uns auch so. Das wird in den allermeisten Fällen nicht funktionieren. Trotzdem sind die Gnadenorte, die starken Gemeinschaften, die Wallfahrten und vieles andere, wo einfach „richtig ordentlich“ katholisch zugeht, wichtig, weil sie den Suchenden Halt geben, damit diese in ihrem Alltag, denn darum geht es ja, die Kraft haben, ihr Bekenntnis zu Christus zu geben.

Es macht also keinen Sinn, ständig darüber zu lamentieren, daß die Katholizität der Kirche, die Sakramentalität der Seelsorge und Treue zum Lehramt der Kirche an vielen Orten in Dialogen, Synoden und pastoralen Prozessen zu ertrinken droht. Natürlich muß Kritik daran geübt werden. Die darf uns allerdings nicht daran hindern, zu tun was unseres ist. Lassen wir die Dialogisierer und Synodalen ihre Sache machen. Es ist oft traurig genug. Es ist der Begleitklang der untergehenden Sozialgestalt Volkskirche. Die schmerzhafte Erkenntnis, daß dies von einer geradezu erschütternden Aufbruchsrhetorik begleitet wird, kann einen schon kirre machen. Das hat orwellsche Ausmaße.

Dennoch kommen wir nicht umhin, selber den notwendigen Weg des Glaubens zu gehen. Kümmern wir uns darum, ein wirkliches Wachstum im Glauben anzustreben. Das ist schwer und damit haben wir genug zu tun. Die Möglichkeiten dazu gibt es. Nutzen wir sie.

 

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
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seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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