Freude hat es nicht gemacht

Papst Franziskus

Papst Franziskus

Das nachsynodale Schreiben, welches lange erwartet wurde und die Folge eines langen Beratungsprozesses in der Kirche war, liegt seit vergangenen Freitag vor. Der Pressehype hat sich gelegt. Man war sich denkbar uneinig, ob es sich nun um eine Reform, eine Revolution, keine Reform, eine Blockadehaltung der bösen Kurie oder um ein völlig unmaßgebliches Schreiben handelt. Seit gestern ist das Thema dann auch erledigt.

Im Grunde ging es ja in der veröffentlichen Meinungsmaschinerie ohnehin nur um zwei Fragen: Dürfen Homosexuelle heiraten und dürfen wiederverheiratete Geschiedene nun zur Kommunion gehen. Beide Fragen müssen wohl von jedem der sich ernsthaft mit der Thematik beschäftigt hat, mit „nein“ beantwortet werden. Auch wenn das Schreiben einen moderaten, einnehmenden Sprachduktus hat, kann man erkennen, daß sich in der moraltheologischen Bewertung der beiden (deutschen) Hauptfragen nichts verändert hat. Bei aller Unschärfe, die der moderate Sprachstil des Papstes mit sich bringt, gilt doch der hermeneutische Schlüssel, den Kardinal Brandmüller kurz vor Erscheinen des Schreibens gegeben hat:

Das Postsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ ist also im Lichte der dargelegten Grundsätze zu interpretieren, zumal ein Widerspruch zwischen einem päpstlichen Dokument und dem Katechismus der Katholischen Kirche nicht vorstellbar ist.  [klick]

Dem Rat des Papstes, man solle das Schreiben nicht hastig durchlesen ist natürlich ebenfalls kaum jemand gefolgt. Die Deutungshoheit über die Aussagen des Papstes lag innerhalb von wenigen Minuten nach Erscheinen des Dokumentes bei den einschlägigen Medien. Zack! Erledigt!

Der Text des Schreibens umfaßt in der vom Vatikan verbreiteten *.pfd-Datei rund 300 Seiten. Das entspricht etwa 130 Din A4 – Seiten Text. Damit gehört „Amoris laetitia“ durchaus zu den längeren Schreiben aus päpstlicher Feder. „Familiaris consortio“ kommt mit 80 Din A4 Seiten aus. Nun gilt der Grundsatz, je pastoraler der Textstil ist, umso langatmiger ist der Text. Moderne Textverarbeitungen am PC verführen zu mehr und längeren Texten. Das macht auch vor dem Vatikan und dem Papst nicht halt.

„Hätte ich mehr Zeit gehabt, so hätte ich mich kürzer gefaßt.“ Vielleicht sollte man die Textherstellung im Vatikan durchaus mal unter diesem Aspekt reformieren, denn Zeit ist nicht das Problem einer Kirche, die in Jahrhunderten denkt. Die Länge eines solchen Schreibens wirkt sich direkt auf die zu erwartende Unschärfe aus. Je knapper und präziser formuliert wird, umso klarer wird die Aussage. Bei einem Dokument in dieser Länge ist die Unschärfe systematisch.

So warnt eben nicht nur Kardinal Cordes davor, daß man die Aussagen von Amoris laetita mißbräuchlich verwenden könne, wenn sie nicht „in Wort und Geist des ganzen Schreibens verankert bleiben, sondern herausgegriffen und punktuell zitiert werden“. Das ist keine Kleinigkeit, denn auch katholische Bischöfe sind sich uneins in der Interpretation des Schreibens. Während die einen ganz klar betonen, welche Grenzen zwischen Gesetz und Barmherzigkeit zu ziehen sind, wird auf der anderen Seite schon die grundsätzliche Zulassung wiederverheiratet- geschiedener Katholiken zur Kommunion angenommen. Mag in der Beratung die Uneinigkeit für die Diskussion und das Ringen um die Wahrheit unabdingbar sein, so sollte nach Abschluß des Entscheidungsprozeß die Einheit nur umso größer sein. Doch auch hier gilt wieder, daß sie Länge des Dokuments und die sprachlichen Unschärfen im Text der Einheit in der Interpretation entgegen wirkt. Das mögen bitte auch all jene Bedenken, die in den Vorzimmern sitzen und den Bischöfen die Predigten schreiben. Die Verlockung Amoris laetita als Steinbruch für Zitate zu nutzen mag groß sein, werden sie nicht in Wort und Geist des ganzen Schreibens verwendet, sind sie untauglich.

Barmherzigkeit ist kein neues Superdogma, wie einige versuchen, uns weiszumachen. Bei genauem Lesen des Textes zeigt sich dies auch recht deutlich. Wenn der Papst z.B. davon spricht, daß es keine Gradualität des Gesetzes geben kann. Gerade das war ja ein Versuch aus dem Umfeld von Kardinal Schönborn, eine Gradualität zu definieren, die geeignet ist, das Gesetz aufzuweichen. Nun ist aber gerade die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe kein kirchliches Gesetz, welches mit einem Federstrich zu modifizieren wäre. Es handelt sich, so lehrt es die Kirche, nun hierbei um göttliches Recht, welches uns offenbart ist und das wir nicht modifizieren können.

So ist der gesamte Komplex rund um die Ehe, die als auf Dauer angelegte Verbindung zwischen Mann und Frau die Keimzelle der Familie und der Gesellschaft bildet, in seiner lehrmäßigen Entwicklung seit dem II. Vatikanischen Konzil wohl definiert und kann als abgeschlossen angesehen werden. In der Pastoral, die ja mit den konkreten Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat, ist nun seit langem bekannt, daß das Leben der Menschen – auch der Katholiken – eben kein, wie Guido Horst in der Tagespost schreibt, „Abziehbild von „Humanae vitae“ oder „Familiaris consortio“ ist“. Auf diesen Umstand zielt „Amoris laetitia“. Im Grunde soll das Schreiben den Seelsorgern vor Ort eine Hilfestellung sein, mit kritischen Situationen rund um Ehe, Familie, Weitergabe des Lebens umzugehen. Es ist zwar nicht neu, aber man kann es nicht oft genug sagen, daß die Lebenswirklichkeit der Menschen – auch der Mehrheit der Katholiken – heute von der Lehre kritisch betrachtet, aber von der Seelsorge einfühlsam begleitet werden muß. Eben gerade weil bestimmte Verhaltensweisen oder auch Regeln nicht nur nicht eingehalten werden, sondern vielmehr gar nicht mehr bekannt sind, ist große Sorgfalt angebracht.

Dazu lohnt es sich dieses lange Schreiben aufmerksam zu lesen. Es wird dem einen oder anderen Praktiker eine Hilfe sein können. Wo das nicht der Fall ist, mag man es getrost zur Seite legen. Und allen die sich Sorgen machen, sei versichert: Der KKK gilt nach wie vor. Allen, die immer noch von der großen Revolution träumen, sei diese Illusion genommen: Der KKK wird auch morgen noch gelten.

Bei der Lektüre fielen einige Punkte auf, die einen eigenen Beitrag lohnen. Abseits der Mainstreamthemen birgt das Schreiben noch die eine oder andere Überraschung. Man kann durchaus Punkte finden, die auch in Deutschland in der konkreten Situation der Menschen vor Ort wertvolle Hinweise geben können. Da sind auch indirekt Handlungsanweisungen für unsere Bischöfe zu finden, wie man das eine oder andere Problem angehen könnte. Da findet sich eine Betonung des Gewissens, die es so seit der Hochscholastik kaum einmal gegeben hat. Für Moraltheologen bietet sich hier ein reiches Betätigungsfeld.

Der Papst rät:

Darum empfehle ich nicht, es hastig ganz durchzulesen. Sowohl für die Familien als auch für die in der Familienpastoral Tätigen kann es nutzbringender sein, wenn sie es Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen oder wenn sie darin nach dem suchen, was sie in der jeweiligen konkreten Situation brauchen. [AL Nr. 7]
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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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