Abschied von der Pfarrseelsorge

Man hört es immer häufiger, daß sich Priester aus der Pfarrseelsorge verabschieden. Das sind keineswegs Rebellen, die sich als besonders konservativ oder besonders progressiv empfinden. Es sind eigentlich normale Pfarrer, insofern man den Begriff überhaupt verwenden kann. Was ist schon normal. Gemeinsam ist allen eine gewisse Verzweiflung, die sich so oder ähnlich äußert, wie in diesem Statement von Pfarrer Thomas Frings aus Münster.

Schnell sind Klischees bei der Hand. Das zweite Vatikanische Konzil ist sowieso an allem Schuld. Zu progressiv, zu konservativ, zu lasch, zu streng. Doch nein, das ist es alles nicht. Es ist vielmehr eine Verzweiflung an einer Situation, in der sich die Kirche in unserem Land in unserer Zeit befindet, die mit dem Wort Krise nur unzureichend beschrieben ist.

In Deutschland gehen ungefähr zehn Prozent der Katholiken regelmäßig in die Sonntagsmesse. Im Umkehrschluß bedeutet dies, 90% ignorieren die Sonntagspflicht und haben dabei noch nicht einmal ein Bewußtsein, irgendetwas falsch zu machen. Zwar lassen ein Großteil der Katholiken ihre Kinder taufen, ignorieren jedoch das Versprechen, welches sie öffentlich vor der Gemeinde bei der Taufe abgeben, nämlich ihre Kinder im Glauben zu erziehen.

Von Trauungen, bei denen der Showaspekt im Vordergrund steht und das Sakrament überhaupt keine Rolle spielt, kann jeder Priester ganze Romane erzählen. Über Firmung und Erstkommunion reden wir lieber gar nicht. Welch ein Aufwand an Zeit und Geld hier investiert wird, welchen Ertrag (nein, nicht Erfolg, das ist keiner der Namen Gottes) dies bringt, könnte weitere Bände füllen.

Mit viel Hurra und Begeisterung werden Pastoralpläne geschrieben und Zukunftsbilder gemalt. Viele Seelsorger erhoffen sich davon tatsächlich Früchte für ihre pastorale Arbeit. Das kann man für Naiv halten. Man kann aber auch daran erkennen, wie krampfhaft die Hoffnung festgehalten wird, die Kirche könne zu ihrer alten Relevanz zurück finden. Eine Illusion ist das, nichts anderes.

Pastorale Zukunftspläne strotzen nur so von optimistischen Formulierungen. Liest man die diversen Pläne, Bilder, Synodenpapiere und was sonst noch alles mit viel Zeit- und Geldaufwand verfaßt, gedruckt und verbreitet wird, dann könnte man zur Überzeugung kommen, daß doch bald alles wieder gut wird.

Doch die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Pastoralpläne sind zumeist in dem Moment, in dem sie gedruckt sind, schon wieder Makulatur, weil die Wirklichkeit sie längst überholt hat. Der Bedeutungsverlust der Kirche in trautem Gleichschritt mit immer drastischer werdendem Personalmangel sowohl bei Priestern als auch bei hauptamtlichen Laien schreitet progressiv voran.

Zugleich wird aber in den diversen Plänen im Grunde doch nur versucht, an altem festzuhalten und dies mit ein wenig Kosmetik auf weniger Schultern zu verteilen. An der Basis wird dies begleitet von einer Schauersymphonie des Verteilungskampfes. Jedes Dorf will „seine!!“ Messe behalten. Fragt man die tapferen Streiter, wo sie denn am vergangenen Sonntag waren oder gar (horribile dictu) wann denn in ihrem Dorf die letzte Primiz war, erntet man nur Empörung.

Eine einfache Lösung kann es nicht geben. Das nämlich ist der Irrtum der Pastoralplaner. Man setze sich mit vielen Leuten unter Moderation eines Organisationsberaters zusammen, diskutiere alle vorhandenen Ideen, schreibe ein Paper und setze es um. Krise erkannt, Krise gebannt. Doch halt. Genau da liegt das Problem.

Die eigentliche Krise wird überhaupt nicht beim Namen genannt. Es ist eine Krise des Glaubens, der Ernsthaftigkeit, des Ernstnehmens des Sakramentalen Handelns der Kirche. Wer dies schonungslos und offen verbalisiert, wird aus kirchlichen Dialogveranstaltungen verbannt oder mindestens marginalsiert.

Es sind jedoch genau die Folgen dieser prekären Haltung der Kirche gegenüber ihrem eigenen Handeln, die den Pfarrern vor Ort das Leben schwer machen. Verweigert ein Pfarrer eine Trauung oder eine Taufe oder läßt ein Kind nicht zur Erstkommunion zu,  äußert die Absicht, einen Jugendlichen nicht zur Firmung zulassen zu wollen, dann kann er was erleben.

Solidarität seiner Amtsbrüder oder Rückhalt von seinem Bischof hat ein solcher Priester nicht zu erwarten. Statistiken, so könnte man denken, sind wichtiger als Seelen. Kirchensteuereinnahmen von latent Ungläubigen haben wohl Vorrang vor dem Glauben der Menschen. Das klingt polemisch, entspricht aber genau dem Eindruck, den man gewinnen könnte. Warum sonst würden alle Ideen zu Mission und Neuevangelisierung von Pastoralplanern als derartig suspekt angesehen.

Die Folge dieser – hier natürlich nur unvollständigen Situationsbeschreibung – bekommen die Pfarrer vor Ort in den Gemeinden unmittelbar zu spüren. Immer größer werdenden Pastorale Räume, immer weniger Personal, immer mehr Bürokratie und pastoralplanerischer Aufwand und am Ende immer unzufriedenere Gläubige, die sich von ihrer Kirche im Stich gelassen fühlen. Denn auch das muß man leider sagen, alle pastoralen Reformen gehen grundsätzlich immer auch zu Lasten der bekennenden und praktizierenden Gläubigen, wenn schon wieder eine Werktagsmesse verschwindet, eine Sonntagsmesse gestrichen werden muß, der Kaplan / Vikar keinen Nachfolger haben wird und man seinen Pfarrer als regelmäßiger Kirchgänger nur noch alle paar Monate zu sehen bekommt.

Lösung? Eine Patentlösung hat niemand. Doch wenn z.B. Pfr. Frings beklagt, wir würden nur noch alte Traditionen bedienen, dann führt das auf eine Spur. Und nein, es geht nicht um im Kern kirchliche Traditionen. Es geht um zu tiefst verbürgerlichte Traditionen, für die die Kirche als Kulisse und die Priester als Statisten herhalten müssen. Diese Zöpfe gehören abgeschnitten. Schluß mit einer Sakramentenpastoral, die alle zufällig getauften eines Jahrgangs versucht zwingend zu erfassen. Schluß mit Pfarrern als Statisten bei Showhochzeiten. Das ist keine endgültige Lösung aller Probleme, aber das bringt Luft. Das bringt Luft, damit Pfarrer und tun können, was ihre Aufgabe ist. Verkündigung des Evangeliums und sakramentale Seelsorge.

Widmete man der kirchlichen Tradition der Sakramentalität der Seelsorge nur einen Teil der Ernsthaftigkeit, mit der man jetzt noch glaubt, verbürgerlichte Traditionen pflegen zu müssen, bekämen die Priester schon gewaltig Luft. Und das könnte so manchen müden, abgekämpften Seelsorger wieder mit neuer Kraft und neuem Mut erfüllen.

 

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
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(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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