Das Schweigen der Blätter

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Papst Franziskus

Zum Abschied aus Rom hat der Papst den deutschen Bischöfen, wie man zeitgemäß sagen könnte sagt, ein Feedback gegeben. Wer mit Spannung die Zeitungen und Onlineportale in den folgenden Tagen nach Berichten oder Kommentaren dazu durchsuchte, fand eine äußerst dünne Berichterstattung, die hinsichtlich der Inhalte der Papstansprache schon fast einer homöopathischen Potenz nahe kommt. Wie in einem homöopathischen Präparat kaum noch mal ein Molekül des Wirkstoffes zu finden ist, ist in den Berichten kaum etwas von der Botschaft des Papstes an die deutschen Bischöfe zu finden.

Man muß sich gar nicht erst fragen, warum das so ist. Der Papst ist – so die allgegenwärtige Diktion der Medien – der Reformpapst, der die Kirche der Welt angleichen will. Von diesem allzu weltlichen Dogma mag man noch immer nicht abrücken. Also besser alles verschweigen, was nicht in dieses Bild gehört. Es ist erstaunlich, wie man sich offensichtlich entschlossen hat, über diesen Papst einfach weiter als dem liebnettfreundlichen Reformpast zu berichten. In der Folge gibt es eine Reihe von Verunsicherungen unter Katholiken, die auf Grund der Medienberichte zweifeln, ob in Rom noch alles mit rechten Dingen zugeht.

Wer die Ansprache des Papstes liest, wird kaum daran zweifeln können. Diese Ansprache gehört eindeutig zu den – jedenfalls für Katholiken in unserem Land – bedeutendsten Ansprachen der bisherigen Amtszeit des Papstes. Er richtet das Wort an unsere Hirten und legt mit beeindruckender Klarheit dar, wo in der katholischen Kirche in Deutschland die Problemfelder sind.

Dabei hat er sich nicht so geriert, wie das offizielle Portal der katholischen Kirche in Deutschland ihn vielleicht vermutet. Dort nämlich bildet man ihn über einem Bericht zum Thema mit gestrengem Blick und erhobenem Zeigefingern ab, als hätte er mit unseren Bischöfen geschimpft. Mag sich das der eine oder andere vielleicht gewünscht haben, das ist nicht die Weise des Hl. Vaters. Selbst seine von so vielen so übel gescholtene Weihnachtsansprache vom vergangenen Jahr war im Grunde nichts anderes als ein ignatianisches Exerzitium, welches er den Kurialen als Denk- und Sehhilfe gegeben hat. In gleicher Weise hätte der Papst ja die Krankheiten der Kirche in Deutschland den Bischöfen als Übung mitgeben können. Er hat es aber hier anders formuliert. Er wird seine Gründe gehabt haben.

Die Ansprache besteht fast nur aus einer Aufzählung von Problemen und Fragestellungen, die die Kirche in Deutschland betreffen. Anders herum gewendet könnte man auch eine Art Hausaufgabenliste daraus machen, die unser Episkopat abarbeiten sollte. Also: Die Themen für die nächsten zehn Vollversammlungen der DBK wären dann schon mal klar.

Nun ist der Papst ja ein totaler Fan eine synodalen Kirche.
Synodale Kirche heißt: Alle mal mitdenken!

Worüber mitdenken? Na darüber:

  • Ein sehr starker Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des sakramentalen Lebens ist zu verzeichnen.
  • Die Beichte ist vielfach verschwunden.
  • Immer weniger Katholiken lassen sich firmen.
  • Immer weniger Katholiken gehen das Sakrament der Ehe ein.
  • Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen.
  • Es ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.
  • Zunächst einmal gilt es, die lähmende Resignation zu überwinden.
  • Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen.
  • Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat.
  • Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.
  • Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden.
  • Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also dafür zu sorgen, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist.
  • Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also dafür zu sorgen, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt.
  • Es ist unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens wahrnimmt.
  • Wie ein treu sorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten.
  • Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen.
  • Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen.
  • Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein.

Und da gibt es wirklich viel zu denken, viel zu tun und viel zu beten, denn machbar ist das fast alles nicht mit menschlichen Mitteln. Ist eigentlich irgendjemandem aufgefallen, daß diese Ansprache in einem sehr, sehr engen Zusammenhang zur Konzerthausrede von Papst Benedikt XVI. am 25. 9.2011 steht? Hatte Papst Benedikt noch sehr abstrakt und sehr systematisch die Hintergründe der Kirchenkrise in Deutschland beleuchtet, so wird Papst Franziskus sehr konkret und nennt Roß und Reiter. Vor dem Hintergrund der Ansprache von Papst Benedikt XVI. in Freiburg könnte man gedanklich beleuchten, welche Konsequenzen man aus dem aktuellen päpstlichen Feedback für unsere Bischöfe ziehen könnte. Dabei geht es nicht um Patentlösungen. Es geht nicht darum den Hirten zu erklären, wie in Deutschland die Kirche zu retten ist, es geht darum, endlich mal in einen Dialog einzutreten, der sich mit den wirklichen Problemen beschäftigt, statt die längst erledigte Uraltagenda der selbsternannten Reformkatholiken zum hunderttausendsten Mal durchzuhecheln.

Also weg von der vermeintlichen zu einer echten Reformagenda:

Seit Jahrzehnten erleben wir einen Rückgang der religiösen Praxis, stellen wir eine zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben fest. Es kommt die Frage auf: Muß die Kirche sich nicht ändern? Muß sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?

Die selige Mutter Teresa wurde einmal gefragt, was sich ihrer Meinung nach als erstes in der Kirche ändern müsse. Ihre Antwort war: Sie und ich!

An dieser kleinen Episode wird uns zweierlei deutlich. Einmal will die Ordensfrau dem Gesprächspartner sagen: Kirche sind nicht nur die anderen, nicht nur die Hierarchie, der Papst und die Bischöfe; Kirche sind wir alle, wir, die Getauften. Zum anderen geht sie tatsächlich davon aus: ja, es gibt Anlaß zur Änderung. Es ist Änderungsbedarf vorhanden. Jeder Christ und die Gemeinschaft der Gläubigen als Ganzes sind zur stetigen Änderung aufgerufen.

[BEGEGNUNG MIT IN KIRCHE UND GESELLSCHAFT ENGAGIERTEN KATHOLIKEN. ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. Konzerthaus, Freiburg im Breisgau, Sonntag, 25. September 2011 Quelle.]

Schaut man sich die obige Liste an, könnte jeder einzelne Punkt eine Überschrift für einen Blogartikel sein. Diese lausige Omerta der Presse muß man ja nicht mitmachen.

Tja … mal sehen, was passiert. icon_cof

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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