In der Katastrophe stirbt die Vernunft

Bundesmuttikanzleramt Berlin

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Berlin

Es war ja keine Katastrophe die uns, im Sinne von „uns in Deutschland“ direkt betroffen hat. Doch was heißt schon direkt? Paris ist eine Flugstunde entfernt. Das war direkt in unmittelbarer Nachbarschaft. Kann es noch direkter sein? Die Nachrichten vom Anschlag in Frankreich am Freitag erreichten mich auf dem Bloggertreffen. Spät am Abend liefen die ersten Meldungen über Twitter und Facebook. Auf einer Tagung bleibt kaum die Chance, sich mehr als oberflächlich zu informieren. Doch das allein reichte schon aus. Was muß man auch wissen? Eine Serie von Anschlägen in Paris. Eine Zahl an Toten, die ohnehin die Phantasie sprengt. Eine Erschütterung von nicht nachvollziehbarem Ausmaß. Das reicht zu wissen.

Betet für Paris (#prayforparis) lautete der Hashtag, der schnell die Runde machte. Wer nicht vor Ort als Betroffener oder Helfer ist, kann ohnehin kaum mehr tun, als ein Stoßgebet zum Himmel senden. Die Dunkelheit der Nacht, in der die Anschläge stattfand hatte sich noch nicht gelegt, das Licht eines neuen Tages, der den schonungslosen Blick auf Tote und Blutspuren, auf Zerstörung und Chaos freilegt, hatte sich noch nicht ganz erhoben, da trat die Subkatastrophe zu Tage. Die Lufthoheit über die Deutung des Geschehens zu erlangen, in dieser Absicht lieferten sich Kommentatoren schon eine Schlacht, da war nicht einmal die Opferzahl bekannt.

„Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ und „daß mir jetzt keine über Flüchtlinge in Deutschland redet“ und und und … Schnell wurde klargestellt: „Die Bundeskanzlerin hat alles im Griff.“ Ah, ja, dann ist ja alles gut. Analysen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein solcher Anschlag in Deutschland stattfinden könnte. Oder nicht … Mobbing gegen einen Journalisten, der ein falsches Emoticon zur falschen Zeit am falschen Ort setzt. Gutmenschen und Böse Buben (m/w)  liefern sich härtere Schlachten auf Tastaturen, als es sie mit Waffen je geben könnte. Fakten werden maßlos überbewertet. Hauptsache meine Meinung, meine Agenda ist in der Welt.

In Paris sind mindestens 129 Menschen einer Serie brutaler Verbrechen zum Opfer gefallen. Diese Verbrechen waren ein terroristischer Akt, der Ermittlungen zu Folge einen islamistischen Hintergrund hat. Der französische Staat hat mit aller denkbaren Härte reagiert. Es herrscht der Ausnahmezustand, die Grenzen wurden geschlossen, die französische Luftwaffe hat einen Vergeltungsangriff auf eine Hochburg des IS geflogen. Das Ende der Fahnenstange dürfte noch nicht erreicht sein. Einige Stimmen sprechen von einem Krieg. Auch der französische Präsident hat davon gesprochen. Nimmt man die Rede ernst, so ist der Bündnisfall für die Nato eingetreten. Dies zu entscheiden ist allerdings eine Sache Frankreichs, daß um Unterstützung der Nato bitten muß. Wir werden sehen, wohin diese Entwicklung treibt.

Die Vernunft verlangt eine sorgfältige Analyse. Die Verbrechen müssen aufgeklärt werden. Die Täter ermittelt und bestraft, insofern sie nicht bei den Anschlägen umgekommen sind. Die Hintermänner des Anschlags und ein eventueller ideologischer Hintergrund müssen geklärt werden. Bei aller Erschütterung und aller Trauer muß die Ratio die Oberhand behalten, wollen wir nicht unsererseits in eine Autokratie der Angst verfallen. Es geht um die Freiheit, um unsere Lebensweise und um unser politisches System. Dies zu verteidigen ist Aufgabe der staatlichen Gewalt. Mag hier zunächst nur Frankreich betroffen sein, so wissen wir längst, daß es in einer Welt der kurzen Wege und der Globalisierung von Politik und Wirtschaft alle betreffen wird. Wieviel Freiheit müssen wir aufgeben, um die Freiheit zu wahren? Wieviel Freiheit müssen wir verteidigen, um nicht am Ende dem Irrtum der absoluten Sicherheit aufzusitzen. Ein Verbrechen, das schlimmste denkbare Verbrechen kann zu jeder Zeit an jedem Ort passieren. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Niemand kann diese garantieren. Aber es gibt Formen von Sicherheit, die die Freiheit ad absurdum führen. Diesen gilt es zu wehren.

Wir müssen die Wege finden, die Verbrecher in unsere Länder nehmen. Einer der Attentäter kam über die Balkanroute, wie man hört. Einer von Hunderttausenden, die diese Route nahmen und nehmen. Oder sind es doch mehr? Zwei, drei, Hunderte? Wer kann das wissen? Wie sollen wir dann  nicht über die Frage der Flüchtlinge sprechen müssen? Wie sollen wir nicht über den Islam in Europa sprechen müssen? Ignoranz führt dazu, den vielen Moslems, die in unserem Land friedlich leben wollen, am Ende bitter Unrecht zu tun, läßt man zu, daß der Kessel der Empörung am Ende als Folge von feigem Schweigen explodiert. Wir müssen darüber reden, wie wir leben wollen in diesem Land. Es reicht nicht zu betonen, wir wollten unserer Werte verteidigen. Welche Werte wollen wir denn verteidigen? Ein Dogma der hemmungslosen Supertoleranz oder den bis zur Endgadigkeit ausgelebten Hedonismus? Das sind keine Werte, für die sich zu leben und schon gar nicht zu sterben lohnt. Dafür wird niemand in den Krieg ziehen. Diese Werte werden auf dem Oberdeck der Dekadenz bis zum Untergang gefeiert.

Wieder einmal ist in einer Katastrophe die Vernunft gestorben. Die richtigen Fragen zu stellen, verbietet die heilige Politische Korrektheit. Auf ihrem Altar wird die Zukunft unseres Landes geopfert, gelingt es nicht schleunigst, eben dieser Vernunft neuen Lebensatem zu spenden. Es muß dringend über Migration gesprochen werden. Nicht über die Migranten, die stehen vor unserer Tür oder sind im Land. Hilfsbedürftigen Menschen ist zu helfen. Da gibt es keine Ausrede. Doch es muß klar sein, wer woher kommt, welche Ansprüche er geltend machen kann und welche nicht. Es braucht klare Regeln, Gesetze, Anwendungsvorschriften, Verfahrensnormen, nach denen vorzugehen ist. Und es braucht die Mitarbeiter, die das tun. Es braucht Klarheit, welche Lasten zu schultern sind. Ein Volk kann vieles bewegen, wenn man ihm die Wahrheit sagt: „Es wird hart und es gibt keine Garantie auf Erfolg. Es wird Blut, Schweiß und Tränen kosten. Die Chancen stehen nicht gut, aber gemeinsam kann es gelingen.“

Es braucht auch die Klarheit, daß Verbrecher kein Asylrecht haben können. Es braucht die Klarheit, wie wir mit Wirtschaftsflüchtlingen umgehen wollen. Da gibt es keine Klarheit, dabei gäbe es Optionen. Diese müssen ausgelotetet werden. Es braucht Klarheit, was wir von denen verlangen wollen und müssen, die hier bleiben wollen. Da wären Sprache und Ausbildung schon mal ein Anfang. Man muß es klären und dann muß man es tun. Im Griff haben wir nichts, geschafft haben bislang vor allem die ehrenamtlichen Helfer. Und die sind bald am Ende ihrer Kräfte.

Doch was kriegen wir immer wieder zu hören? „Wir schaffen das!“ Ja, nee, ist klar. Bob, der Baumeister sagt das auch immer, doch der ist eine Kinderfigur. Wenn die Kanzlerin mal aufhört, Mutti zu spielen und zu kapieren, daß wir keine Kinder sind, denen man Märchen erzählen muß, wäre schon viel gewonnen. Märchen vertragen sich nicht gut mit der politischen Debatte, die dringend zu führen ist und dennoch massiv behindert wird. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Mehr Fragen als in einem Artikel aufgeworfen werden können. Wir sollten die Fragen langsam mal bearbeiten. Sonst brauchen wir sie irgendwann nicht einmal mehr zu stellen. Nach Paris könnte vor dem nächsten Anschlag sein. Das sollte man wissen.

 

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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