Screenshots tragen nicht zur Diskussionskultur bei

Der Screenshot - die hohe Schule der Denunziation im Web2.0

Der Screenshot – die hohe Schule der Denunziation im Web2.0

Es ist eine Unsitte erster Güte, aus einem geschlossenen Bereich unter Bruch einer im Grunde selbstverständlichen Vertraulichkeit, Informationen an Personen oder die Öffentlichkeit weiter zu leiten. Jeder, der schon einmal Politk gemacht hat kennt das. Es gibt z.B. in der Kommunalpolitik nichtöffentliche Sitzungen, an denen – auch als Zuschauer – nur vereidigte Mitglieder des Stadtrates oder der Ausschüsse sowie Mitarbeiter der Stadtverwaltung teilnehmen dürfen. Alles, was man in den nichtöffentlichen Sitzungen erfährt, ist – sogar unter Strafandrohung – vertraulich zu behandeln.

Wer nach der richtigen Sitzung in der richtigen Kneipe an der richtigen Ecke der Theke steht, erfährt „natürlich“ unmittelbar, was in der soeben beendeten nichtöffentlichen Sitzung verhandelt wurde. Und natürlich wer dafür und wer dagegen ist. Alles natürlich streng vertraulich und „ich habe nichts gesagt“. Mein Verdacht ist, daß dies in fast jeder Stadt so oder ähnlich sein dürfte.

Eine geschlossene Facebookgruppe ist – natürlich bei wesentlich niedriger Verbindlichkeit – dem Grunde nach einer nichtöffentlichen Sitzung nicht unähnlich. Wer in die Gruppe aufgenommen wird, sichert den anderen Gruppenteilnehmern durch seine Aufnahme prinzipiell Vertraulichkeit zu. Ohne Vertraulichkeit bräuchte es die geschlossene Gruppe nicht. Sinn und Zweck der geschlossenen Gruppe ist es nämlich gerade auch einmal ungeschützt quer zum Strich und grob geschnitzt denken und schreiben zu können. Letztendlich ist man ja unter sich. So sollte man denken.

Weit gefehlt! Um es vorweg zu nehmen: In allen Gruppen, in denen nicht ausschließlich Personen Mitglieder sind, die man persönlich kennt und denen man auch außerhalb der Sozialen Medien jegliches Geheimnis anvertrauen würde, sollte man nur das schreiben, was man bereit wäre öffentlich auf eine Plakatwand zu pinseln. Der Screenshot (sprich: Skrienschott) ist das moderne Mittel der Denunziation. Es ist gar die hohe Schule der Denunziation. Denn ein Screenshot einmal angefertigt ist im Zweifelsfalle der untrügliche Beweis. Zwar ist ein Screenshot nur ein winziger Ausschnitt, der diesen in der Regel völlig aus dem Kontext gerissen an maximal ungeeigneter Stelle seine zweifelhafte Verwendung findet, doch wer will dem Screenshot widersprechen, wenn nicht ein neuer Screenshot. Indiskretion mit Indiskretion zu vergelten, verbietet sich allerdings für jeden Menschen mit Anstand. So ist der „Gescreenshotete“ wehrlos der Indiskretion, der Verleumdung und allen nur denkbaren Unterstellungen ausgeliefert. Es läßt sich ja kaum falsifizieren.

Und so wurde zum Katholiban, wer eben dazu wurde. Und so wurde das offene Wort, vermeintlich in vertraulicher Umgebung gesprochen zur Hetze. Es ist kein Einzelfall. Der Screenshot ist allgegenwärtig. Die Skrienschotter sind unter uns, ist eine vermeintlich geschlossene Gruppe nur groß genug. Dabei ist der Screenshot nichts anderes als der Sündenfall der Sozialen Medien. Diese großartige Errungenschaft, die es ermöglicht, jedes offen geschriebene Wort, jedes Bild, jedes Video und jedes Audio – natürlich in den Grenzen des geltenden Rechts – an beinahe jeden Ort zu teilen. Dadurch mit beinahe jedem in eine Debatte einzutreten und eine wirklich demokratische Meinungsbildung zu befördern. Denn was öffentlich geschrieben ist, ist per Link oder Einbettungscode teilbar. Es braucht dazu keinen Screenshot. Was verlinkt oder eingebettet ist, ist nachvollziehbar und man kann offen erwidern.

Der Screenshot zerstört Vertrauen und Vertraulichkeit. Der Screenshotter ist der Heckenschütze des Disputs. Der Irtum ist es, zu glauben, es könne in den Sozialen Medien nach dem Screenshot noch Vertrauen und Vertraulichkeit geben. Nein, es wird potentiell alles an ein zu grelles Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Und das Zerren an sich birgt in sich schon ein Verzerren, denn es ist keine Wahrheit, die da durchgestochen wird, es ist ein winziger, subjektiver Ausschnitt aus einem Kontext, der für sich genommen in seiner Gesamtheit nicht einmal den Anspruch hätte, die Wahrheit zu sein. Ausgeschnitten mitten aus einer Debatte, in der vielleicht die Emotionen im Überschwang hochgehen, belegt der Screenshot mit lockerer Hand die Hetze, den Fundamentalismus, die xyz-Phobie oder xyz-Feindschaft. Es ist ein Denunziantentum übelster Sorte. Eigentlich brauchen wir sowas nicht. Da es das aber gibt, sollte man es wissen.

 

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Peter Winnemöller

Journalist, Blogger
katholisch
immer neugierig
Leseratte
seit einer gefühlten Ewigkeit im Internet unterwegs

(Der kleine Senator steht für meinen seit Beginn der Internetzeit verwendeten Nickname Cicero und ist ein Geschenk des Illustrators Peter Esser)

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